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Am Wochenende wurde wieder in mehreren deutschen Städten demonstriert – gegen die Maßnahmen, die im Kampf gegen das Coronavirus beschlossen wurden. Auf Twitter wiederum werden diese Menschen als "Covidioten" verunglimpft. Warum sind Menschen gegen Maßnahmen, die sie eigentlich schützen sollen? Und wie gehen wir besser damit um, als sie zu beschimpfen?

Demonstrationen sind ein demokratisches Grundrecht, ganz unabhängig davon, wer sie durchführt, sagt der Politikwissenschaftler, Psychologe und Kommunikationstrainer Moritz Kirchner.

Das "Präventionsparadox"

Dass es in Deutschland zu den Demos gegen die Corona-Maßnahmen komme, hänge mit dem "Präventionsparadox" zusammen, wie es der Soziologe Armin Nassehi (und der Virologe Christian Drosten) nennen: Dadurch, dass Deutschland mit den Präventionsmaßnahmen erfolgreich war, entsteht ein Gefühl der Vergeblichkeit, weil es "gar nicht so schlimm" gekommen ist.

"Besonders paradox an den Demos ist, dass sie selbst die Wahrscheinlichkeit für weitere Verschärfungen erhöhen."
Moritz Kirchner, Politikwissenschaftler, Psychologe und Kommunikationstrainer

Die Demos selbst steigern die Wahrscheinlichkeit, dass die Beschränkungen wieder verschärft werden müssen, so der Psychologe. Denn die Teilnehmer gehen dort ohne Masken hin und halten auch die Abstandsregeln nicht ein. Sie befördern also, was sie eigentlich bekämpfen wollen.

#Covidioten: Aufwertung durch Fremdabwertung

Dass die Demonstrierenden im Netz sehr schnell als "Covidioten" beschimpt würden, bestätige einen psychologischen Mechanismus, der auf beiden Seiten zu erleben sei: Aufwertung durch Fremdabwertung.

  • Die einen sagen: Ihr übertreibt die Gefahren total und schränkt unsere Freiheit ein.
  • Die anderen sagen: Ihr seid irrational und verschwörungstheoretisch.
"Psychologisch betrachtet ist der Mechanismus auf beiden Seiten derselbe."
Moritz Kirchner, Politikwissenschaftler, Psychologe und Kommunikationstrainer

Grundsätzlich seien Diskurse im Zeitalter digitaler Medien emotionaler und persönlicher geworden, sagt Moritz Kirchner. Grenzen haben sich verschoben. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen nennt das Ganze "Die große Gereiztheit“.

Politik und Journalismus hätten in Sachen Krisenkommunikation am Anfang ziemlich viel richtig gemacht, sagt Moritz Kirchner. Nicht umsonst sei die Akzeptanz der Maßnahmen ja spürbar gewesen. Zwischenzeitlich habe das Robert Koch Institut dann aber auch Journalistenanfragen abgewehrt. Damit sei natürlich Misstrauen gesät worden. Und in der letzten Zeit sei auch den Skeptikern sehr viel Platz eingeräumt – und damit die Polarisierung vorangetrieben worden.

Menschen und ihre "Reaktanz"

Wenn wir Menschen in unserer Freiheit eingeschränkt werden und uns gesagt wird "Ihr müsst jetzt das und das tun", dann löse das in uns häufig grundsätzlich erst mal Unbehagen aus. Reaktanz heißt das in der Psychologie.

Viele Leute fühlten sich heute eingeschränkt – auch schon vor Corona. Das sei eine Folge der Digitalisierung, sagt Kirchner: Da wir uns (viel einfacher) mit allen anderen Leuten vergleichen (können), sähen wir deutlicher unsere eigenen eingeschränkten Möglichkeiten. Deshalb wollten wir dann auch stärker unsere Freiheiten ausleben.

Und ein anderer Mechanismus komme noch dazu: Viele Menschen bräuchten für alles einen Sündenbock. Und weil Geflüchtete zur Zeit nicht funktionieren, müsse es dann eben die Regierung sein.

Eskalationsspirale vermeiden

Auch, wenn manche Menschen selbst mit den besten Argumenten nicht zu überzeugen seien: Entscheidend ist es, so Moritz Kirchner, auf bewusste Provokationen gar nicht erst einzusteigen, um sich selbst nicht in eine "Eskalationsspirale" hineinziehen zu lassen.