Die Corona-Inzidenz erreicht fast täglich ihren Höchststand und trotzdem soll es viele Corona-Maßnahmen bald nicht mehr geben. Braucht es die Inzidenzwerte dann noch? Ignorieren können wir sie aktuell zumindest nicht, sagt Immunologe Carsten Watzl. Gerade mit Blick auf die Krankenhäuser.

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz ist seit zwei Jahren maßgebend für die Corona-Maßnahmen. So hoch wie im Moment war der Inzidenzwert für ganz Deutschland seit Beginn der Corona-Pandemie nicht – und trotzdem sollen am 20. März viele tiefgreifende Corona-Schutzmaßnahmen wegfallen.

Einkaufen ohne Maske

Eine Maskenpflicht soll es dann zum Beispiel nur in Bussen und Bahnen und für Bereiche geben, in denen es besonders gefährdete Menschen zu schützen gilt wie in Altenheimen, Krankenhäusern oder Arztpraxen. Zum Einkaufen bräuchte es den Mund-Nasen-Schutz nicht mehr. Zumindest sieht das der aktuelle Entwurf vom neuen Infektionsschutzgesetz vor, das im Bundestag 18. März beschlossen werden soll.

Inzidenzen im Tausenderbereich

In anderen Ländern gab es schon ähnliche Beschlüsse. Dänemark zum Beispiel hat am 1. Februar 2022 seinen Freedom Day gefeiert, also praktische alle Corona-Maßnahmen aufgehoben, als die Sieben-Tage-Inzidenz dort zuvor einen Wert von über 5000 erreicht hatte. Aktuell liegt die landesweite Inzidenz in Dänemark bei etwas über 1000. "Das ist aber nicht mehr aussagekräftig", sagt ARD-Korrespondentin Sofie Donges. Die Testzentren sind alle geschlossen und die Behörden untersuchen jetzt nur noch die Virenlast im Abwasser. Dort gebe es laut dem dänischen Gesundheitsminister einen Rückgang. In der Bevölkerung würden die Lockerungen der Corona-Beschränkungen vor sechs Wochen für gutgeheißen, sagt die Korrespondentin.

Sofie Donges, ARD-Korrespondentin in Stockholm
"Fragt man die Däninnen und Dänen, sagen sie ja, die Abschaffung der Corona-Beschränkungen war ein Erfolg."

Inzidenz weiter wichtig für Schutz

Was bringt uns der Inzidenzwert? Ist er für die Zukunft nicht mehr wichtig? Völlig ignorieren können wir die Zahlen aktuell nicht, sagt Immunologe Carsten Watzl. "Es ist zwar richtig, dass wir trotz hoher Inzidenzen keine Überlastung der Intensivstationen haben, aber die Krankenhäuser sind bei so hohen Inzidenzen trotzdem belastet".

Das heißt: Viele Patient*innen würden aktuell wegen einer anderen Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert, seien aber auch mit dem Coronavirus infiziert. Das wirkt sich wiederum auf ihre Behandlung aus. Infizierte Patient*innen müssen in abgegrenzten Räume untergebracht und auch die Medizinerinnen und Pflegekräfte müssen weiterhin geschützt werden.

"Die Krankenhäuser sind bei so hohen Inzidenzen trotzdem belastet, weil sehr viele Menschen zwar nicht unbedingt wegen Corona, aber mit Corona im Krankenhaus landen."
Carsten Watzl, Immunologe

Das führt bisher zwar noch nicht zu überlasteten Krankenhäusern, aber sie kommen verstärkt an ihre Kapazitätsgrenzen, so der Immunologe. Das kann zur Folge haben, dass geplante Untersuchungen oder Operationen abgesagt werden müssten.

In so einer Zeit tiefgreifende Corona-Maßnahmen flächendeckend abzuschaffen, hält der Carsten Watzl für bedenklich. Entscheidungsträger würden hier eher auf das Prinzip Hoffnung setzen.

"Einige von den Maßnahmen kann man sicherlich abschaffen. So wie jetzt aber flächendeckend alles abgeschafft werden soll, da habe ich Bauchschmerzen."
Carsten Watzl, Immunologe

Der Inzidenzwert und Virus-Mutationen

Die Höhe der Inzidenz habe aber nur bedingt einen Einfluss darauf, wie das Coronavirus weiter mutiert. Eine Virus-Variante wie Omikron – die ansteckender ist, aber in der Regel milde Krankheitsverläufe nach sich zieht – wäre auch bei niedrigen Inzidenzwerten denkbar.

Denn: Omikron, so glauben Forschende, sei vermutlich nicht wegen einer starken Verbreitung des Virus entstanden. "Omikron ist wahrscheinlich in einer Person entstanden, in der sich das Virus über Wochen und Monate vermehren konnte. Also wahrscheinlich eine Person mit einer Immunschwäche", sagt der Immunologe.

Die Mutanten wie Alpha, Beta und Gamma sind wahrscheinlich durch eine breite Übertragung in der Bevölkerung entstanden. Bei hohen Inzidenzen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es zu neuen Varianten kommt, meint Carsten Watzl.

Wie es im Herbst weitergehen könnte

Carsten Watzl sieht zwei mögliche Szenarien:

  1. Omikron dominiert weiter das Infektionsgeschehen. In dem Fall würden geimpfte Menschen, die auch eine Infektion mit Omikron hinter sich haben, weiter gut vor einer Infektion mit der Variante geschützt sein. Das kann zur Herdenimmunität beitragen. Ungeimpfte, die sich mit Omikron infizieren, sind danach immun gegen diese Variante, aber nicht gegen andere.
  2. Wenn Omikron weiterhin bestimmend bleibt, könnten wir gut durch den nächsten Herbst und Winter kommen. Sollte aber eine neue Variante auftauchen, die so ansteckend ist wie Omikron und zu schweren Krankheitsverläufen führt wie Delta, "hätten wir ein Problem", sagt der Immunologe.

Wie es dann genau kommt, bleibt abzuwarten. Carsten Watzl bezweifelt aber, dass Omikron die letzte Virus-Mutation ist. Darum "ist der Immunschutz immer noch das Beste, was wir dagegen tun können", sagt er.