Seit beim Fleischverarbeiter Tönnies über 1.500 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet wurden, gelten in den Kreisen Gütersloh und Warendorf verschärfte Regeln. Das öffentliche Leben wird heruntergefahren, Urlauber aus den beiden Kreisen werden zum Teil abgewiesen. Wir haben mit Michael Esken gesprochen, dem Bürgermeister von Verl im Kreis Gütersloh.

"Es ist eine sehr angespannte Situation. Es ist irgendwie unwirklich."
Michael Esken, Bürgermeister in Verl

Die Situation sei angespannt und unwirklich, sagt Michael Esken. Viele Menschen bekämen momentan Absagen für ihre bereits geplanten Urlaubsreisen. Er selbst wolle mit dem Wohnmobil durch Deutschland fahren – ob das klappt, sei offen, ein paar Regionen wären wohl noch erlaubt.

Vergangene Woche hatte uns Michael Esken berichtet, dass in Verl Hunderte Menschen mit Werksverträgen auf engstem Raum zusammenleben. Diese Menschen stehen jetzt unter Quarantäne – und das sei auch notwendig, weil sehr viele von ihnen positiv getestet worden seien, so Michael Esken.

"Flucht aus Verl verhindern"

Es habe gar keine andere Möglichkeit gegeben, als diese Maßnahme zu ergreifen – vor allem, um zu verhindern, dass Betroffene die Stadt Verl verlassen. (Unser Bild oben zeigt den Bürgermeister, wie er zu den Menschen spricht, die unter Quarantäne stehen.)

"Fluchtbewegungen haben stattgefunden. Und dann wäre das Virus ja noch weiter verbreitet worden."
Michael Esken, Bürgermeister in Verl

Die Kommune müsse jetzt überwachen, dass die Quarantänevorschriften auch eingehalten werden. Das geschehe in Zusammenarbeit mit einem Sicherheitsdienst und einer Hundertschaft der nordrhein-westfälischen Polizei. Außerdem gebe es verschiedene Begleitmaßnahmen – leider habe ein Bereich auch eingezäunt werden müssen.

Polizei, Sicherheitsdienst und Zaun

Die Menschen, die davon betroffen sind und auf engsten Raum zusammenleben, seien natürlich genervt. Und natürlich gebe es auch Streit, so der Bürgermeister. Auftrag der Stadt sei es, zu versuchen, den Menschen das Leben – trotz der schwierigen Umstände – einigermaßen erträglich zu gestalten. Auch Kinder seien in Quarantäne, das Jugendamt sei vor Ort. Gerade sei ein Feld abgeerntet worden, um dort Freizeitmöglichkeiten zu schaffen.

Anschlag auf Autos von Schlachthofmitarbeitern

Aus Beckum gibt es die Meldung, dass versucht wurde, Autos von Schlachthofmitarbeitern anzuzünden. Die Firma Tönnies stehe im Fokus der Wut mancher Leute, so der Bürgermeister.

"Es findet eine Stigmatisierung der Bürgerinnen und Bürger im Kreis Gütersloh statt. Das habe ich mir eigentlich gar nicht vorstellen können, dass so was in Deutschland noch möglich ist."
Michael Esken, Bürgermeister in Verl

Das Problem: Bürgerinnen und Bürger im Kreis Gütersloh würden stigmatisiert. Dass so etwas in Deutschland noch möglich ist, habe er sich gar nicht vorstellen können.

In der Fleischindustrie muss sich etwas ändern

Die Arbeits- und Unterbringungsbedingungen vieler Beschäftigter in der Fleischindustrie müssten unbedingt verurteilt werden, sagt Michael Esken. Der Gesetzgeber sei hier dringend gefordert, Fakten zu schaffen. Es könne nicht sein, dass möglicherweise der Deutsche Schäferhund mehr Quadratmeter zur Verfügung hat als ein osteuropäischer Arbeiter. Das müsse sich ändern.

"Es kann nicht sein, dass möglicherweise der Deutsche Schäferhund mehr Quadratmeter zur Verfügung hat als ein osteuropäischer Arbeiter."
Michael Esken, Bürgermeister in Verl