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Bei den Begriffen "Künstliche Intelligenz" und "Videoüberwachung" schrillen gewöhnlich die Alarmglocken. Die Deutsche Bahn will damit die Kundenströme lenken und das Problem der Mindestabstände in Zügen in den Griff kriegen.

Im Nahverkehr gibt es sie schon, Bundesverkehrsminister Scheuer will die Maskenpflicht jetzt aber auch auf Fernzüge ausweiten. Die mögliche Maskenpflicht ist aber nur ein Element, wie sich die Deutschen Bahn in der Corona-Krise neu organisiert – zumal über die tatsächliche Wirksamkeit der Maskenpflicht ja auch gestritten wird. Um das Infektionsrisiko zu senken, sollen deshalb auch KI und Videoüberwachung zum Einsatz kommen.

"Die Bahn will die Passagiere optimal auf den vorhandenen Platz im Zug verteilen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Seit 27.04.2020 laufen die ersten Tests in der Stuttgarter S-Bahn, wie das Handelsblatt berichtet. Ziel ist es, den Platz im Zug ideal zu nutzen.

Bereits vorhandene Kameras werden genutzt

In vielen Zügen sind bereits heute Videokameras installiert. Im Fall von Straftaten haben Bahn und Bundespolizei darauf Zugriff. In der Corona-Krise sollen diese Aufnahmen nun genutzt werden, um damit eine Software zur besseren Zugauslastung zu füttern. Das bedeutet: Die Fahrgäste werden häufiger gefilmt als bisher. Dass es sich hier um einen sehr sensiblen Datenschutzbereich handelt, betonen sowohl die Deutschen Bahn als auch das KI-Start-up Brighter AI, das ebenfalls an dem Test beteiligt ist.

Künstlich erzeugte Nachbildungen von Gesichtern

Das Projekt entspreche aber den strengen Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung, sagt die DB. Es sollen verschiedene Sicherungen eingebaut worden sein, die einen Missbrauch verhindern. So wird das Gesicht des Fahrgastes direkt nach der Aufnahme durch die Kamera noch in der Bahn durch eine künstlich erzeugte Nachbildung ersetzt. Im Rechenzentrum, wo die Informationen weiterverarbeitet werden, arbeitet die Software dann nicht mit den Originalgesichtern, sondern sozusagen mit Platzhaltern, die sich nicht identifizieren lassen.

Das Problem mit dem Datenschutz

Bei einer solchen Überwachung fallen aber natürlich nicht nur Gesichtsdaten, sondern auch eine Menge Metadaten an: Wenn etwa eine Reinigungskraft jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit die Züge im Betriebsbahnhof reinigt, dann spielt es keine Rolle, ob das Gesicht durch etwas Künstliches ersetzt wurde oder nicht: Die Person ist identifizierbar. Doch auch für diese Probleme soll es angeblich eine Lösung geben. Momentan finden die Tests noch ohne echte Fahrgäste und in einem besonderen Zug statt. Erst Mitte Mai können dann normale Passagiere in die Tests eingebunden werden.

Doch warum kontrollieren nicht einfach die Kontrolleure die Abstände in den Zügen? Warum muss dafür unbedingt auf Videoüberwachung zurückgegriffen werden? Diese Frage stellt ein IT-Professor im Handelsblatt. Eine Antwort darauf ist die Bahn bisher schuldig geblieben.

Konkrete Maßnahmen noch unklar

Auch eine Ansage, welche Maßnahmen und Handlungsanweisungen für die Passagiere aus den Erkenntnissen der Videoüberwachung abgeleitet werden sollen, fehlt bisher. Was die Bahn also mit der Erkenntnis "Der Zug ist ungleichmäßig besetzt" konkret machen will, ist noch unklar. In den User-Kommentaren zu diesem Projekt wird deshalb wild spekuliert. Eine Durchsage "Bitte verteilen Sie sich!" wäre denkbar – wenn auch wahrscheinlich nicht besonders wirkungsvoll. Die Variante "In Wagen 13 gibt es noch 4 freie Plätze" wäre da schon erfolgversprechender.