Der Shutdown in der Corona-Pandemie rettet momentan fast überall auf der Welt Leben. Er zerstört langfristig aber auch welche, sagen Kritiker. Sollte der Schutz des Lebens über allem stehen? Eine philosophische Frage.

Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer hat im Frühstücksfernsehen bei Sat 1 dazu angemerkt: "Ich sage es Ihnen jetzt mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters, ihrer Vorerkrankungen. Aber die weltweiten Zerstörungen der Weltwirtschaft sorgen nach Einschätzung der Uno dafür, dass der daraus entstehende Armutsschock dieses Jahr eine Million Kinder zusätzliche das Leben kostet. Da sieht man: Es ist ein Medikament mit Nebenwirkungen, wir müssen es richtig dosieren."

"Wir retten in Deutschland Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären."
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

Auch wenn sich Palmer inzwischen für seine Wortwahl entschuldigt hat: Vielen stockte bei seinem Satz der Atem. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte die Äußerungen "unerträglich" und "völlig zynisch". Und Markus Söder (CSU) bekam davon "riesen Bauschmerzen".

Manche meinen, Boris Palmer habe ein Dilemma angesprochen hat, das angesprochen werden müsse. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat kürzlich gesagt, der Schutz des Lebens dürfe nicht über allem stehen.

Zynische Argumentation

Philosophin Rita Molzberger meint, mit dem Schutz des Lebens werde schon immer argumentiert. Es komme ihr aber zynisch vor, wenn jetzt "Armut, Klima und weiteres aus dem Keller geholt" würden, obwohl diese Probleme schon seit Jahren existierten. Sterblichkeit vollziehe sich natürlich in jedem Leben, so Molzberger. Wie man aus dem Leben scheidet, sei aber dennoch von Bedeutung.

"Sterblichkeit vollzieht sich natürlich in jedem Leben, aber auf welche Weise man stirbt, das kann ja schon auch entscheidend sein."
Rita Molzberger, Philosophin

Für die Philosophin steht hinter der ganzen Debatte um die Maßnahmen in der Corona-Krise auch ein Streit um Wahrheitsmodelle: Die Menschen fragen sich, wer nun Recht hat und auf wem man hören soll. Auf die Wissenschaft vielleicht oder den viel zitierten gesunden Menschenverstand?

Welche Maßnahmen sind "nützlich"?

In der Philosophie gibt es unterschiedliche Richtungen. Manche Utilitaristen würden in der aktuellen Lage wahrscheinlich knallhart abwägen und sich fragen, ob die geltenden Corona-Maßnahmen auch tatsächlich der Mehrheit der Menschen nutzen.

Bei einer solchen Argumentation gerieten wir aber schnell zu "zahlenmäßigen Überlegungen", so Molzberger, die ethisch problematisch seien: Wie viel Menschen müssen wir opfern, um auf der anderen Seite so und so viele Leben zu retten?

"Dann opfere ich mal 500 Leben dafür, dass ich 5000 gewinne – damit bringen wir uns ethisch in Teufels Küche."
Rita Molzberger, Philosophin

Die Diskussion über dieses hochkomplexe Thema müsse dennoch geführt werden, sagt die Philosophin. Ein Gespräch einfach abzuschneiden und zu beenden, weil einem die Meinung des anderen nicht gefällt, hält sie in einer Demokratie für grundfalsch. Trotzdem dürfe man natürlich festlegen, wenn ein bestimmter Aspekt – zum Beispiel der Erhalt von Menschenleben – nicht verhandelbar ist. "Argumentative Haltepunkte" nennt Molzberger das, denn ein "anything goes" wäre ethisch eine Bankrotterklärung.

Das Gefühl der Bedrohung

Dass wir in Deutschland überhaupt über abwägen können zwischen Leben und Freiheitsbeschränkungen sei eine Art Privileg, so Molzberger, weil wir im Gegensazu zu anderen Staaten eine relativ gute Ausgangslage haben.

Doch generell bewirke die Pandemie überall dasselbe: Die Menschen seien auf sich selbst zurückgeworfen und spürten die eigene Sterblichkeit und die der anderen stärker als vorher.

"Meiner Meinung nach ist nicht jede Krise eine Chance."
Rita Molzberger, Philosophin

In unserem modernen Fortschrittsglauben seien wir daran gewöhnt, aus jeder Krise "irgendetwas Tolles" zu machen. Dieses Bild gerate gerade ins Wanken. Wir hätten das Gefühl, etwas aufs Spiel zu setzen und viel gewinnen, aber auch viel verlieren zu können.