Seit den Covid-19-Ausbrüchen bei der Firma Tönnies in Güterloh und auch bei einem Dönerfleischhersteller in Moers, wird die Frage gestellt: Wie konnte sich das Virus in den Fleischbetrieben so sehr ausbreiten? Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Britta Fecke hat dazu recherchiert.

Unsere Reporterin hat darüber mit Martin Exner, Professor am Institut für Hygiene der Uniklinik Bonn gesprochen. Seiner Vermutung nach hängt es vor allem mit den Belüftungsanlagen in dem Schlachtereibetrieb zusammen. Denn dort werde die Luft aus der Halle gezogen, anschließend wieder heruntergekühlt und dann zurück in die Halle geschickt. Das heißt die Luft wird weder gereinigt, noch gefiltert oder mit Frischluft angereichert. Stattdessen stehen Schlachthofmitarbeiter stundenlang in ihrer eigenen Atemluft.

"Schlachthofmitarbeiter stehen und arbeiten in ihrer Atemluft, die weder gereinigt oder gefiltert und auch nicht mit ausreichend Frischluft angereichert wurde. Das ist also ein geschlossener Kreislauf."
Britta Fecke, Deutschlandfunk Nova

Das ist problematisch, sagt Britta Fecke, weil die Arbeit im Schlachthof körperlich anstrengend ist und die Mitarbeitenden möglicherweise schwitzen und somit auch Tröpfchen in die Umgebungsluft abgeben. Wenn die Luft - und mit ihr die Aerosole - nur aufgesaugt, gekühlt und dann wieder zurückgeschickt werden, dann könnte diese Umluftanlage wie eine Verteilungsmaschine für Viren fungieren, so die These von Martin Exner. In der Umluft kann ein Aerosol in Bewegung gehalten werden. Damit seien diese Belüftungsanlagen ein weiterer, bislang übersehener Risikofaktor für Covid-19.

Sammelunterkünfte und Luftkühlanlagen machen es dem Virus leicht

Hinzu kommt, dass die Mitarbeitenden in Sammelunterkünften eng zusammenleben. "Beide Faktoren erhöhen wahrscheinlich die Gefahr einer Ausbreitung: Wenn Menschen zu eng miteinander leben, dann wird das Virus leichter weiter gegeben", so Britta Fecke.

Wenn dann infizierte Mitarbeiter unter einer Umluftanlage arbeiten, wird aus ihrer Atemluft auch der Erreger mit in die Anlage gezogen, wieder gekühlt und auf die ganze Halle verteilt. Nicht nur an den Nachbarn, sondern auch an die anderen Mitarbeiter in den Werkshallen. Hinzu kommt, dass Viren sich in kühler Umgebung besonders wohlfühlen.

"Erschwerend kommt auch noch hinzu, dass Viren in kühler Atmosphäre besonders gut überleben, und die Luft wird bei Tönnies auf sechs bis zehn Grad runtergekühlt."
Britta Fecke, Deutschlandfunk Nova

Die vielen Infizierten bei dem Dönerfleisch-Produzenten in Moers zeigen zudem, dass die Belüftungsanlage eine größere Rolle spielen könnte, als bisher angenommen. Denn die Mitarbeitenden sind festangestellt und haben nicht in engen Sammelunterkünften gelebt.

Brittas Recherche hat auch ergeben, dass diese Art der Kühlanlagen bei Schlachtereien und anderen fleischverarbeitenden Betrieben üblich ist. Im Bundeslandwirtschaftsministerium hieß es, dass "in Schlachtbetrieben, die zu Kühlungszwecken eingeblasene Luft derzeit nicht hygienisiert beziehungsweise entkeimt wird." Filter seien zur Zeit in der Branche ebenfalls nicht üblich.

Wenn sich der Verdacht erhärtet, dass Viren auf diese Weise aber besser verteilt werden, könnte das bedeuten, dass die Betriebe ihre Anlagen demnächst umrüsten müssen, sagt Britta Fecke.