In Italien mussten Ärzte entscheiden, wen sie zuerst beatmen. Denn die medizinische Hilfe reicht nicht für alle schwerkranken Corona-Patienten. Carola Holzner ist leitende Oberärztin im Zentrum für Notfallmedizin an der Uniklinik Essen. Als Notärztin hat sie solche Entscheidungen schon durchstehen müssen. Sie seien sehr belastend. Und deshalb sei es auch wichtig, sie im Konsens zu treffen.

Triage ist ein Begriff, der seit Ausbruch des neuartigen Coronavirus immer wieder fällt. Gemeint ist, dass im Fall von vielen, gleichzeitig verletzten oder erkrankten Menschen, diese in eine Rangordnung eingeteilt werden. Die Einteilung hilft dann bei der Entscheidung, wer zuerst medizinische Hilfe bekommt, wenn nicht alle gleichzeitig behandelt werden können.

In Italien und auch Frankreich kommt es im Zuge der Coronapandemie zu solchen Entscheidungen über Leben und Tod. In Deutschland bislang nicht, doch das kann sich ändern. Um die behandelnden Ärztinnen und Ärzte zu unterstützen, haben verschiedene medizinische Fachgesellschaften gemeinsam klinisch-ethische Empfehlungen veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem, dass allein Alter oder soziale Kriterien keine Rolle spielen dürfen.

Entscheidungen über Leben und Tod

Carola Holzner kennt solche schwierigen Entscheidungen. Sie ist leitende Oberärztin im Zentrum für Notfallmedizin an der Uniklinik Essen. Als Notfallärztin ist sie zum Beispiel auch bei schweren Unfällen mit vielen Verletzten im Einsatz. Da geht es dann manchmal auch um die Frage: Wer hat die besten Aussichten, den Unfall zu überstehen. "Oder: Wer ist schon so stark verletzt, dass man ihm nicht mehr helfen kann", sagt Carola Holzner.

"Solch eine Entscheidung ist natürlich belastend. Aber sie gehört zum Beruf mit dazu."
Carola Holzner, leitende Oberärztin für Notfallmedizin an der Uniklinik Essen

Dass der Faktor Alter gar keine Rolle spielen soll, sei in der Realität schwer umzusetzen. Von ihren subjektiven Gefühlen können sich auch Ärzte nicht frei machen. Deshalb sei es auch wichtig, diese Entscheidung im Konsens zu treffen, so die Ärztin Carola Holzner.

"Wir müssen uns wirklich zwingen, ganz objektiv dranzugehen. Soweit wir es können. Wir sind auch nur Menschen."
Carola Holzner, Nottfallärztin

Kein Arzt, keine Ärztin sollte die Verantwortung allein tragen. "Die Entscheidung wird im Konsens getroffen", sagt die Notfallmedizinerin. Zwei Fachärzte, am besten aus der Intensivmedizin, werden einbezogen und idealerweise sollte auch immer eine betreuende Pflegekraft mit beraten. Ebenso gibt es meist Gespräche mit den Angehörigen. "Sodass wir uns auch selber absichern", sagt die Ärztin.

Carola Holzner, leitende Oberärztin der zentralen Notaufnahme des Uniklinikums Essen, bekleidet sich mit einem Gesichtsschutz (23.03.2020)
© dpa
So sieht die Notfallärztin Carola Holzner im Moment oft aus, wenn sie ihre Arbeit in der Uniklinik Essen macht.

Entscheidend sind auch die harten Fakten. Es gibt zwar keine klassische Checkliste, aber verschiedene Kriterien, die immer auf den Einzelfall angewandt werden. Das bedeutet eben, dass das Lebensalter nicht das einzig entscheidende Kriterium ist. "Man kann nicht sagen, dass jeder der über 80 ist, nicht mehr beatmet wird", sagt Carola Holzner.

Es gehe bei jedem Patienten, jeder Patientin um die Schwere der Krankheit, Vorerkrankungen, Pflegestufe und so weiter. "Hier spielen ganz viele Faktoren rein", sagt die Ärztin. Und es geht auch nicht ausschließlich um Covid-19-Infizierte, sondern weiterhin auch um Schlaganfall-Patienten oder Unfallopfer.

"Das ist immer eine Individualentscheidung. Das sollte auch immer eine bleiben."
Carola Holzner

Deshalb müssen die Ärzte und Ärztinnen an möglichst viele Informationen kommen. "Wir spielen so ein bisschen Detektiv", sagt Carola Holzner. Die Ärzte sprechen mit Angehörigen. Wenn Zeit bleibt, auch mit dem Hausarzt, der Hausärztin. Falls Patienten aus einem Pflegeheim ins Krankenhaus gekommen sind, werden automatisch Informationen mitgeliefert.

"Wir müssen nach bestem Gewissen und Wissen entscheiden. Und hoffentlich die richtige Entscheidung treffen."
Carola Holzner

Die Uniklinik Essen bereitet sich derweil auf den möglichen Ansturm von Patienten vor. Es wurde eine zweite Notaufnahme für Corona-Infizierte eingerichtet, so Carola Holzner. "Man merkt eine Zunahme der Patienten."