Mit einem Impfstoff für das Coronavirus ist nicht vor kommendem Jahr zu rechnen. Aber wenn der richtige Impfstoff erst einmal gefunden ist, wo wird er dann produziert? Schließlich warten Milliarden Menschen weltweit darauf. Die Recherche von Wissenschaftsjournalist Michael Lange zeigt, dass Kapazitäten erweitert werden müssen, und ein Poker der Firmen um den Bau neuer Anlagen beginnt.

Wichtig zu wissen: Den einen Impfstoff gibt es nicht und es gibt auch nicht den einen Weg, wie Impfstoff hergestellt wird, sagt Wissenschaftsjournalist Michael Lange. Er hat recherchiert, wie es überhaupt möglich ist, dass wir im kommenden Jahr, wenn herausgefunden wurde, welche Impfstoffe wirken, auch alle damit versorgt werden können.

Grundsätzlich lässt sich die Herstellung von Impfstoff grob in drei Kategorien einteilen:

  • Klassische Tot-Impfstoffe (das sind abgetötete Viren, oder Proteine von Viren, die nichts mehr anrichten können)
  • Lebend-Impfstoffe (geschwächte oder gentechnisch veränderte Viren)
  • Neue Methode: Genbasierte Impfstoffe aus DNA oder RNA, die gar keine Viren beinhalten

Für die klassischen Methoden – Tot- und Lebend-Impfstoffe – müssen Viren in großen Mengen gezüchtet werden. Dabei habe sich in letzter Zeit ein spezieller Zelltyp bewährt, so Michael Lange. Das sind Säugetierzellen von einem chinesischen Hamster – die sogenannten Chinese Hamster Ovary Cells.

"Chinese Hamster Ovary Cells sind Zellen, die jeder Impfstoffentwickler kennt, weil die sich so toll vermehren."
Michael Lange, Wissenschaftsjournalist

Das Faszinierende: Diese Zellen, mit denen inzwischen etliche Impfstofflabors arbeiten, kommen aus dem Eierstock eines einzigen Hamsters, der sie vor einiger Zeit mal gespendet hatte.

Die enorme Vermehrung ist also ein Vorteil – ein Nachteil der Säugetierzellen ist aber, dass sie sehr empfindlich sind und vor fremden Bakterien oder Viren geschützt werden müssen. Deshalb werden sie unter hohen Sicherheitsstandards in besonderen Anlagen verarbeitet.

Genbasierter Impfstoff braucht keine Viren

Anders läuft es bei den neuen genbasierten Impfstoffen. Sie brauchen keine Viren und werden deshalb ganz anders hergestellt. Sie können, wie mit einem Kopierer, kopiert werden, was allerdings synthetisch auf molekularbiologischer Basis geschehe, so Michael Lange. "Das ist eigentlich ein großer Vorteil, um große Mengen herzustellen. Nachteil ist nur, einen solchen Impfstoff gibt es bisher noch nicht."

Mit der neuen Methode wurde bisher noch nie ein Impfstoff in solch großen Mengen hergestellt, so Michael Lange. "Wenn es klappt, wäre das toll, weil man dafür solche großen Zellzucht-Anlagen nicht braucht. Aber ob es klappt, weiß man nicht."

Für Covid-19-Impfstoff braucht es große Anlagen

Sollte der Covid-19-Impfstoff mit den etablierten Methoden hergestellt werden, gibt es auf diesem Bereich zwar Anlagen, die ausreichend Kapazitäten hätten, Impfstoff für viele Menschen in kurzer Zeit herzustellen. Aber praktisch wird das nicht so einfach werden.

Die Anlagen werden derzeit für andere Impfstoffe verwendet. Beispielsweise für Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten, oder gegen Masern, Mumps und Röteln. Viele davon stehen in Indien und China.

Covid 19: Für Impfstoffproduktion braucht es mehr Kapazitäten

Zwar könnten diese großen bestehenden Anlagen unter Umständen umgewidmet werden, so Michael Lange, dennoch müsse die Produktion der anderen Impfstoffe weiter laufen. Also muss zusätzliche Kapazität her. Entweder durch Vergrößerung der bestehenden Anlagen oder durch Neubau. Das alles braucht aber Zeit. Und dann ist die Frage, wo wird investiert?

Weltweit forschen Teams an dem richtigen Impfstoff. Welcher es am Ende ist, weiß man noch nicht. Wenn die klinischen Studien aber in ein paar Monaten beendet sind und der richtige Impfstoff gefunden ist – Forschende gehen von Januar oder Februar aus – , würde es noch einmal einige Monate dauern, um die Kapazitäten zu haben, den Impfstoff herzustellen.

Schon jetzt neuen Anlagen bauen

Die Zeit ließe sich aber verkürzen, wenn schon jetzt damit begonnen würde, die fehlenden Kapazitäten herzustellen. Das Problem ist, es gibt 80 Impfstoffprojekte und keiner weiß derzeit, welcher Impfstoff am Ende der richtige ist. Deshalb scheuen sich die Firmen davor, schon jetzt für Millionen von Euro oder Dollar neue Anlagen zu bauen, da sie nicht wissen, ob sie das Geld am Ende wieder rein bekommen.

"Denn wenn der Impfstoff nichts ist, verdienen sie gar nichts, und auch sonst kann man mit Impfstoff nicht das ganz große Geld verdienen."
Michael Lange, Wissenschaftsjournalist

Glücklicherweise werden die Kapazitäten zur Produktion des neuen Impfstoffs aber schon jetzt an diversen Stellen hochgefahren – trotz des finanziellen Risikos. Laut Michael Lange unterstützen zwei Organisationen die Impfstoffhersteller bei der Produktion. Zum einen die CEPI – eine Internationale Koalition zur Vorbereitung von Innovationen beim Kampf gegen Epidemien – zum anderen die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.

Die Impfstoffhersteller bekommen von der CEPI Geld, um neue Anlagen zu bauen, obwohl sie nicht wissen, ob diese gebraucht werden oder ob sie sich rentieren werden. Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung fördert die sieben vielversprechendsten Impfstoffe und gibt ihnen Geld, um neue Anlagen zu bauen.

"Und das muss jetzt auch losgehen, wenn Anfang nächsten Jahres produziert werden soll."
Michael Lange, Wissenschaftsjournalist