Laura Meschede hat einige Monate bei Amazon Mechanical Turk gearbeitet: eine Crowdworkingplattform, die schlecht bezahlt, keine Rechte bietet, wenig Sinn vermittelt und die Zukunft der Arbeit zu sein scheint. 

Das klingt ja erst einmal gut: Man arbeitet von zu Hause aus, kann sich die Zeit frei einteilen, indem man selbst entscheidet, welche Aufträge man annimmt und quasi nebenher verdient man Geld. 

So cool ist Crowdworking aber leider nicht.

Zumindest nicht nach der Erfahrung von Laura Meschede. Sie hat diese Form des Arbeitens drei Monate lang auf der Plattform Amazon Mechanical Turk ausprobiert und ihr Fazit ist ernüchternd. 

"Viele Aufgaben lohnen sich gar nicht. Da sitzt man zehn Minuten dran und hat am Ende fünf Cent verdient. Das macht man einmal und nie wieder.
Die Journalistin Laura Meschede über ihre Erfahrungen bei Amazon Mechanical Turk

Arbeiten für Centbeträge

Die sogenannten Turker sitzen auf der ganzen Welt vor ihren Computern und konkurrieren alle um dieselben Jobs. Manche sind ganz ok bezahlt - andere ganz furchtbar schlecht. Eine typische Aufgabe ist es zum Beispiel Kassenzettel abzutippen. Das sind diese kleinen Aufgaben, "die Menschen in kurzer Zeit relativ leicht erledigen können, die aber für Computer zu kompliziert sind", sagt Laura Meschede. Sie hat über diese mit Centbeträgen bezahlten Jobs zu Anfang etwas über vier Euro am Tag verdient. Nach zwei Monaten - mit mehr Erfahrung und einigen Tricks - kam sie maximal auf 18 Euro. 

"Der große Mythos des Crowdworkings ist ja, dass man komplett frei entscheiden kann, wann man arbeitet. Das stimmt zwar theoretisch. Real ist es aber nicht so."
Die Journalistin Laura Meschede über ihre Erfahrungen bei Amazon Mechanical Turk

Unverbindliches Prinzip: Zwischen Crowdworking-Plattform und Auftraggebern

Laura hatte ihren Computer schon morgens aufgeklappt, die meisten Aufträge trudeln aber erst später ein, wenn es in den USA losgeht. Dort sitzen die meisten Auftraggeber. Erledigen die "Turker" den Job nicht so, wie vorgestellt, gibt es kein Geld. Und dagegen kann man nichts machen, sagt Laura. Sie hat ein paar Anfragen gestellt, auch zu der Frage, welchen Sinn ihr Job macht; weder von Amazon, dem Plattformanbieter, noch von den diversen Auftraggebern hat sie je eine Antwort erhalten. 

Amazon mechanical turk
Amazon Mechanical Turk

Und weil das Prinzip dieser Plattform so unverbindlich ist, fühlt sich niemand für die "Turker" verantwortlich. Allerdings: beide Seiten verdienen mit Lauras Arbeit Geld. Eine paradoxe Situation, die sie in ihrem Artikel "Die Mensch-Maschine" genau beschreibt, der bei SZ online kostenpflichtig gelesen werden kann.  

"Je länger ich als Turkerin arbeite, desto mehr bekomme ich den Eindruck, was ich hier mache, ist keine mit der Digitalisierung entstandene neue Form der Beschäftigung - sondern in erster Linie ein Angestelltenjob ohne Urlaubsanspruch."

Arbeiter vollkommen auf sich allein gestellt

In unserem Interview beklagt Laura, dass man in diesem System der Arbeit wirklich vollkommen auf sich selbst gestellt ist. Als Arbeiterin bei Mechanical Turk hat sie keine Absicherung, darf nicht krank werden, und muss sich zwingen, bis zu zehn Stunden am Tag zu arbeiten, wenn in den ersten sechs Stunden nicht genug rum gekommen ist. Und sie glaubt, dass das Prinzip und die Unverbindlichkeit eine zukunftsweisende Form der Arbeit ist: 

"Ich vermute, dass diese Form des Arbeitens Zukunft hat - ich befürchte es fast."
Die Journalistin Laura Meschede über ihre Erfahrungen bei Amazon Mechanical Turk

Auch wenn die Turker untereinander Konkurrenten sind, in Foren oder Facebookgruppen halten sie zusammen und geben sich Tipps, welche Auftraggeber gut zahlen, oder welche ohne Grund nichts bezahlen. 

Für Laura ist es nur ein Experiment, das sie ein paar Monate gemacht hat, um einschätzen zu können, wie das System funktioniert und wie es sich anfühlt, für eine Crowdworking-Plattform zu arbeiten. (By the way, in ihrem SZ-Artikel schreibt sie, dass sie sich noch nie so gelangweilt habe im Leben...) Aber weltweit gibt es viele Menschen, vor allem in Indien und in den USA, die davon leben - aber eigentlich gar nicht wissen, was genau sie tun. 

Ebenfalls interessant: