Magdalena erlebt einen Albtraum im Wachzustand – eine Art Höllentrip. Sie glaubt zu sterben, ruft Hilfe und wird ins Krankenhaus gebracht. Ärzte können ihr nicht helfen, auch Psychiater nicht. Danach verändert sich sogar ihre Persönlichkeit. Erst Monate später erfährt Magdalena, was der Auslöser dafür war und fühlt sich wahnsinnig erleichtert.

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Magdalena: "It was about four years ago. One of my friends invited me for downhill biking trip. It used to be my favorite sport. So I went for four days biking in the forests in Czech Republic."

Magdalena kam also von diesem Kurztrip zurück. Sie war mit einem Kumpel in Tschechien, Downhill-Biken. Downhill-Biken, das heißt: Mit dem Fahrrad in einem irren Tempo Berge runterbrettern. Und als sie jetzt zuhause in Warschau ankommt, tut ihr ganzer Körper weh und sie hat auch ziemlich viel Sonne abbekommen. Unterwegs hat sie schon Schmerztabletten genommen und sich Ibu-Creme auf die Beine gerieben, sie ist echt fertig.

Wenigstens haben die Leute, die in ihrer Wohnung gewohnt haben, als sie unterwegs war, alles ordentlich hinterlassen. Freunde von Freunden, die sie selbst nicht kennt. Irgendwelche Künstler aus Berlin.

Magdalena: "Well the flat was like really sweet and clean. They left gifts for me which was really heartwarming because they left flowers and a notebook. I think from Asia with different stylish paper. And one of the friends who is an artist painted my cats and my flat and the places they had visited in Warsaw."

Gastgeschenke: Blumen, Zeichnungen und eine Tafel Schokolade

Auf dem Tisch: Blumen und ein Notizbuch mit feinem Papier, darin Zeichnungen von ihrer Katze und ein Brief, in dem die Gäste schreiben, der schönste Ort in Warschau sei ihre Wohnung. Im Kühlschrank: Eine Tafel Schokolade. Genau das braucht sie jetzt.

Diese netten Gesten befrieden Magdalena ein bisschen. Vor allem der Brief. Denn sie ist stolz auf ihre Wohnung. Ja, weil es ein richtig schöner Altbau ist: weitläufig, mit Holzdielen und riesigen Fenstern. Aber vor allem, weil die Wohnung eine besondere Energie hat und Magdalena als Grafikdesignerin ein Händchen dafür, Eleganz und Gemütlichkeit zu kombinieren. Und ein paar Merkwürdigkeiten unterzubringen: Zum Beispiel so ein Poster, das sie mal geklaut hat, mit einem neon-farbenen Totenkopf drauf, ganz fein gezeichnet. Oder so kleine Skulpturen, die ein bisschen gruselig aussehen.

Magdalena fängt an, Kram zu machen. Aufräumen, waschen, am Computer rumhängen.

Magdalena: "You know. Just a normal day in the house when you do whatever."

Angstzustände und der Kopf wird eng

Magdalena: "And then I started to feel kind of a weird anxiety. I started to feel that something is happening in my head."

Sie fühlt sich komisch. Als würde ihr Kopf eng werden. Vielleicht hat sie zu viele Schmerzmittel genommen.

Magdalena: "Because I took lots of painkillers, because I had like muscle pain everywhere and also lots of ibuprofen cream on my legs. And then I was also thinking that I have maybe a sunstroke."

Oder ein Sonnenstich abbekommen.

Magdalena: "You know it was like Dijon mustard in my head."

Magdalena sagt, dieses komische Gefühl war irgendwie, als hätte sie etwas Dickflüssiges im Gehirn. Was Gelbes. Wie Senf.

Magdalena: "So I was feeling physically really bad and it was exactly connected to the stress I was feeling – like anxiety and fear.“

Sie fühlt sich wirklich schlecht jetzt; und sie hat immer mehr das Gefühl, dass etwas Schlimmes passiert mit ihr. Sie geht immer wieder ins Bad. Macht sich die Haare nass und legt sich aufs Bett vor den Ventilator. Kopf kühlen, Embryo-Haltung.

Magdalena: "There was a particular position that I was lying. I had to crawl into a ball on my knees so my head was almost like hidden in my in my chest. I just kept looking for like human contact, for hold."

Sie ruft verschiedene Leute an: ihren Freund, zwei Freundinnen. Die verstehen alle nicht, was ihr Problem ist. Halt ein Sonnenstich. Oder zu viele Schmerzmittel. Sagt sie ja selbst.

Sie kann auch nicht erklären, was ihr Problem ist. Schon gar nicht den Gedanken aussprechen, den sie nicht mal denken will: Nervenzusammenbruch.

Magdalena: "This is what I was ashamed of... I was not telling anyone that I – for example when I was passing the room that I don't use in my house, that always little bit scares me – that I have really strong visions of huge spiders attacking me from this room."

Da ist dieser Raum in ihrer Wohnung, den sie nicht nutzt und vor dem sie sich ein bisschen gruselt. Ihre Großmutter hatte darin einen Schlaganfall. Und normalerweise verdrängt sie das – jetzt kommen aus dem Raum riesige schwarze Spinnen und die greifen sie an. Und dann quellen die Spinnen im nächsten Moment aus ihrem Mund.

Sie weiß, dass das nicht echt ist, dass das nur vor ihrem inneren Auge passiert. Das weiß sie auch deswegen so genau, weil sich vor ihre richtigen Augen ein weißer Schleier gelegt hat. Als würde sie ihre Umgebung nur noch durch eine Milchglasscheibe sehen. Vielleicht ist sie gerade dabei zu erblinden? Schaltet sich ihr Nervensystem gerade ab?

Plötzlich hat sie das Gefühl zu sterben

Magdalena: "I started to feel so weak. I was feeling that I was dying. I wanted someone to stop it."

Sie will nur noch, dass es aufhört und ruft den Krankenwagen.

Als ich Magdalena in Berlin getroffen habe, habe ich gleich gemerkt, diese Frau ist alles andere als ängstlich.

Autorin: "Can you tell me a little bit about what you like to do."

Magdalena: "I like to travel. I like good food, I love adventures. Any kind of adventures. I think I'd panic if nothing was happening."

Lust auf Abenteuer, Angst vor Langeweile

So wirkt Magdalena vom ersten Augenblick an: offen, übermütig und süchtig nach Abenteuern. Eine Draufgängerin, die sich am meisten vor Langeweile fürchtet. Also, was anderen Leuten Angst einjagt, das fordert sie heraus. Und so war sie schon als ein kleines Mädchen: Magda erzählt, dass sie Grusel-Geschichten geliebt hat, und bis heute ist ihre Lieblingskünstlerin eine, die Bilder malt zum Beispiel von Menschen, die Blutlachen weinen, in denen andere ertrinken. So ganz grausame Dinge eigentlich.

Magadalena: "The creepier, the more I would love it."

Und diese Frau, die mit allem allein fertig wird, ist, als der Krankenwagen kommt, ohne ersichtlichen Grund, völlig am Ende.

Magadalena: "I wanted someone to stop it. I feel like I need help because I couldn't deal with it by myself. And I have this personality that they will deal by myself with everything. So I was like at the edge of my suffering.

Sie versucht den Sanitätern die Schmerzen zu erklären, die sie im Körper hat, die aber irgendwie aus dem Kopf kommen. Und dieses Milchglas vor ihren Augen. Und dass sie außerdem auch die Kontrolle über ihre Gliedmaßen verloren hat.

Magdalena: "They said that I should go to the hospital. I couldn't walk."

Sie erinnert sich nur grob an die Begegnung mit den Sanitätern. Sie weiß aber noch, dass sie damals denkt: Die verstehen mein Problem nicht. Die verstehen nicht, dass ich nicht laufen kann. Die helfen ihr nicht die Treppe runter. Die geben ihr keinen Rollstuhl, keine Trage. Sie weiß noch, wie sie dann, um zum Krankenwagen zu kommen, die Stufen auf dem Hintern runtergerutscht ist. Stufe für Stufe – wie ein Kind.

Magdalena: "So I slide on my heels all the way."

Das nächste, woran sie sich richtig erinnert, ist, wie sie im Wartezimmer im Krankenhaus eine Position sucht, in der sie es aushalten kann. Und keine findet. Sie legt sich über drei freie Stühle, lässt den Kopf hängen. Wälzt sich, schlägt die Hände vor Gesicht. Schreit um Hilfe. Die Bilder stürzen immer schneller auf sie ein: Fratzen, Kinderdämonen, Massentod, alle erdenklichen Formen von Grausamkeit – all das ist in ihrem Kopf.

Magdalena schreit um Hilfe

Magdalena: "And I was just screaming for help because I was feeling worse and worse. And just like begging for help, I was like please someone help me. Please help me."

Das macht den anderen Patienten im Wartezimmer Angst. Sie spürt, wie die sie beobachten. Aber es ist ihr egal. Ihr ist alles egal, sie hat solche Angst.

Sie wird allein in ein Krankenzimmer gesteckt. Die Ärzte kommen und gehen und stellen ihr vor allem eine Frage:

Magdalena: "What did you take. Are you high. Did you take drugs."

Aber sie hat nichts genommen. Magdalena hat noch nie Drogen genommen. Die Ärzte glauben ihr anscheinend, trotz ihres Zustands. Sie muss keinen Drogentest machen. Sie bekommt eine Infusion und bleibt in dem Zimmer. Ein Pfleger sitzt die ganze Nacht in der Ecke und passt auf, während Magdalena schreit und faselt, so sehr zittert, dass sie drei Decken braucht und dann wieder so von Hitze übermannt wird, dass sie das komplette Bettzeug wegstrampelt.

Wenn sie nach ihrem Namen gefragt wird, kann sie den nicht mehr nennen. Sie sieht ihn nur noch vor sich, wie in Wasser treiben, und kann ihn nicht greifen. Während sie fortgerissen wird von einem Strom, der sie in die Hölle treibt.

Magdalena: "Because it was like hell going on inside. I was never in deeper darkest hell in my life."

Morgens explodiert die Hölle in ihr

Magdalena glaubt, dass es vielleicht gegen sechs Uhr morgens ist, als die Hölle in ihr explodiert.

Magdalena: "It was just like just space. And it had beautiful colors of sunrise, like pink, peach, orange and I could see like huge sheets of fabric slowly breathing, like really calm air, like up and down up and down and they were massive. One sheet of fabric was like a mountain."

Der Albtraum ist plötzlich vorbei. Von allem, was in dieser Nacht passiert ist, kann sie sich am deutlichsten daran erinnern: An diesen unendlichen Raum, darin Stoffbahnen, die sich ganz langsam bewegen und pulsieren als würden sie atmen.

Magdalena: "And then I saw that those pink sheets of fabric are boobs and bums. Like really fertile, pink, like healthy a littly fatty boobs and bums... And there was like a wooden ship floating in the air. It was beautiful, it was really calm, everything was really positive. And in this ship there was us and that was a really simple feeling. And the us was… like ... that I was not singular anymore. I was plural. It was a very nice feeling."

Magdalena hat Schwierigkeiten, zu beschreiben, was sie meint, wenn sie sagt: Sie war auf einmal 'Alle'. Ein Wir. Vielleicht all ihre Persönlichkeiten oder alle Menschen, die sie geliebt hat oder noch viel mehr. Aber in dem Moment fühlte es sich ganz einfach an: Sie ist ein 'Wir', in einem Schiff, das da in der Mitte der Stoffbahnen schwebt, in einem Meer aus Brüsten, mitten in der Unendlichkeit.

Der Albtraum klingt langsam ab

Es ist das letzte Bild in diesem Albtraum, das längste und das intensivste. Danach kommen auch keine Bilder mehr, nur die Angst schwappt immer wieder mal hoch. Aber die Abstände werden größer und manchmal kann sie kurz wegdämmern.

Wie lange Magdalena im Krankenhaus war, kann sie heute nicht mehr sagen. Vielleicht 24 Stunden. Danach kommen die Ärzte und sagen, dass sie nichts für sie tun können. Und dann mit gesenkter Stimme, dass sie sich an einen Psychiater wenden sollte.

Magdalena: "I thought that's it. This is it. That's how mental sickness looks like. My brain just got baked, something went wrong, I am going to be sick."

Magdalena ist fassungslos. Total am Boden. Wenn sie vor irgendetwas Angst hatte – außer vor Krieg – dann davor: Durchzudrehen.

Magdalena: "It was really scary. A sad feeling, yeah."

Weil sie immer noch nicht laufen kann, schiebt sie sich im Rollstuhl zum Aufzug. Dort sieht sie zum ersten Mal nach der Nacht ihr Spiegelbild. Sie hat noch ihre Schlabber-Klamotten von Zuhause an. Ihre Haare stehen wirr vom Kopf ab. Sie ist bleich, die Konturen ihres Gesichts stechen hervor. Sie denkt, dass sie jetzt auch aussieht wie eine Irre. Und sie wird wütend, dass ihr niemand gesagt hat, dass sie sich zumindest mal kämmen könnte.

Magdalena: "I didn't want to be treated like a mad woman. And they were treating me like a mad woman. So they didn't tell me that I looked like shit."

Ihr Handy-Akku ist leer. Sie fühlt sich total auf sich allein gestellt. Wie sie es zu ihrer Wohnung geschafft hat, weiß sie nicht mehr.

Magda bleibt erst einmal zuhause und meldet sich krank. Erst ein paar Tage, aber im Endeffekt geht sie einen Monat lang nicht arbeiten. Sie muss das erst einmal verarbeiten. Außerdem ist sie jetzt anders. Das merkt sie ein paar Tage, nachdem sie aus dem Krankenhaus zurück ist. Sie will sich was Gutes tun: ein Eis essen, bei ihrem Lieblingsladen um die Ecke.

Magdalena: "I decided to reward myself with ice cream. And then I noticed I walk really slow and it stayed with me for many months and I never recovered from that, I don’t walk as fast as I used to walk."

Sie kann zwar wieder gehen, aber nur sehr langsam. Die alte Magdalena ist immer gerannt.

Sie hat das Gefühl, dass ihre Haut sehr, sehr dünn wird

In der Eisdiele trifft sie eine Bekannte. Und während Magda ganz langsam ihr Lieblingseis isst – Zartbitter-Schoko-Sorbet – hat sie das Gefühl, dass ihre Haut sehr, sehr dünn wird. Und dass sie es nicht aushält, sich mit dem Mädel zu unterhalten.

Magdalena: "She's really sweet, really nice girl. I felt I don't want to be with her. I do not want to listen to her. I felt while I was talking to her that my energy was going lower and lower and I definitely don't have energy for her."

Sie muss nach Hause. Sofort. Aber auch dort ist sie nicht mehr sicher. Die vielen Grusel-Kleinigkeiten, die sie mit so viel Liebe in ihrer Wohnung drapiert hatte, die hält sie nicht mehr aus. Das Poster mit dem neonfarbenen Totenkopf muss weg. Die kleinen Skulpturen mit den komischen Gesichtern. Auch manche Farb-Kombinationen fühlen sich nicht mehr gut an. Das viele Dunkelblau-Grau-Schwarz. Zu kalt. Auch das muss weg.

Magdalena: "Like I had like a hardcore peeling you know. So your skin is feeling quite a lot. So that was my mind. That was my brain or my eyesight. You know."

Magdalena, an der früher alles abgeperlt ist, ist hypersensibel geworden.

Leise Antipathien, Rückzug, Einsamkeit

Auch, was Menschen angeht. Sie fängt an, manche Leute zu meiden. Leise Antipathien. Ein falsches Lachen, aufgesetzte Freundlichkeit. Leute, die nicht wirklich liebevoll oder vertrauenswürdig wirken, zu denen lässt sie die Beziehung ausklingen.

Das passiert zu einem guten Teil von selbst. Weil sie nämlich kaum rausgeht und nur selten Besuch bekommt.

Nur ihre beste Freundin, die kommt manchmal vorbei und kocht ihr etwas. Und ihr Freund, der lässt sich auch mal blicken. Aber meistens ist er unterwegs. Auch er bemerkt nicht, wie tief sie erschüttert ist. Weil Magda alle Menschen immer ein bisschen auf Abstand gehalten hat. Jetzt, wo sie die anderen brauchen würde, sind sie nicht da. Und sie fühlt sich auf einmal ziemlich einsam.

Magdalena: "It's sad. I just learned that I need to get involved a little bit more in the group of my friends because I'm always... I was always an outsider and I was taking my group for granted a little bit."

Nach dem einen Monat, den sie zuhause verbracht hat, geht sie zwar wieder aus dem Haus und fängt Stück für Stück an, alles zu machen, was sie vorher gemacht hat: arbeiten, klettern, ausgehen. Aber manchmal hat sie immer noch Flashbacks, dann steigt plötzlich wieder Panik in ihr auf, ihre Knie werden zittrig und sie muss sofort nach Hause. Dieses Gefühl, dass die Dämonen irgendwo lauern und sie aus heiterem Himmel wieder überfallen könnten, das macht sie fertig.

Sie geht dann zu drei verschiedenen Psychiatern. Um endlich mal eine Diagnose zu bekommen. Alle drei machen viele verschiedene Tests mit ihr. Und sie finden: Nichts. Nichts, was da so richtig falsch laufen würde in ihrem Kopf. Und schon gar nichts, wogegen sie Tabletten oder so bekommen könnte.

Magdalena: "So I was thinking okay. That's how my depression looks like or that's how my neurosis look like. Or maybe I had a sunstroke and that's how my special brain reacts to sunstroke because uh I don’t know."

Geburtstagstrip nach Berlin

Magdalena denkt dann: Vielleicht ist sie ja ein Spezialfall. Vielleicht hat sie da einen besonderen Sonnenstich gehabt. Oder ist eigentlich depressiv, aber erlebt das in so dämonischen Zuständen. Sie reimt sich irgendwas zusammen und geht für drei Monate zu einer Psychologin, die im Grunde auch ratlos ist.

Fest steht: Magdalena ist anders geworden durch diesen Albtraum. Sie ist unsicher, hat Angst vor der Angst, die sie überfallen könnte, und sie reagiert richtig allergisch auf manche Menschen. Außerdem hat sich ihr Geschmack verändert. Als Grafik-Designerin achtet sie auf so etwas. Sie hat die dunkleren Farben in ihrer Wohnung über die Zeit gegen wärmere getauscht. Gegen Rosa, Pfirsich und Hellblau. Das wäre undenkbar gewesen früher, dieses Mädchenhafte.

Kurz vor ihrer letzten Sitzung bei der Psychologin schenkt Magdalenas Freund ihr eine Reise nach Berlin. Der Anfall ist jetzt fast sechs Monate her.

Magdalena: "So it was my birthday and my boyfriend offered me a trip to Berlin because he knew I really like it."

Magdalena hat nämlich Geburtstag. Sie und ihr Freund übernachten bei Bang, er ist einer von den Freunden von Freunden, die damals in Magdalenas Wohnung in Warschau untergekommen waren. Und Bang, der sich revanchieren will, weil sie damals bei Magdalena schlafen konnten, hat ein Abendessen vorbereitet.

Magdalena: "The dinner was exactly the same evening when I arrived. And we were sitting and chatting and that was the first meeting with Bang after he stayed in my house."

Die Wahrheit über den Horror-Wahn kommt ans Licht

Alle sitzen um einen großen, dunkelgrünen Tisch, vor einer silbernen Wand. Die Balkontür steht offen, obwohl Winter ist, weil man den Kohleofen in der Ecke so schwer regulieren kann und auch weil alle rauchen. Es wird gequatscht, gelacht und ordentlich Rotwein getrunken.

Bang: "Magda kam an. Wir haben ihr noch Bratkartoffeln mit Wiener Schnitzel vorbereitet. Wir haben dann am Tisch gesessen, gegessen..."

Und das Gespräch kommt auf die Schokolade, die sie damals bei Magdalena gelassen haben.

Magdalena: "Then he said – like out of the blue – oh by the way: did you find the chocolate with shrooms that I left in your house?

Und dann fragt Bang Magdalena nach der Schokolade, die er damals bei ihr gelassen hatte. Nach der Pilz-Schokolade.

Magdalena: "Did you eat it? And I just like had to confirm and so I said: What did you say? And he said, yeah, the chocolate with mushrooms."

Bang: "Und dann kam das ja erst raus, dass sie das gegessen hatte!"

Magdalena: "And I think I was quiet – I don't know for how many seconds – but like all my life and all the puzzles were getting together."

Für Magdalena bleibt jetzt kurz die Zeit stehen. Sie wird sechs Monate zurückgeworfen. Geht es Szene für Szene noch einmal durch: Zuhause, wie die Dämonen erwacht sind. Die Rettungssanitäter, die ihr nicht geholfen haben. Die Leute im Wartezimmer, die sie so angestarrt haben. Der Pfleger, dem sie die ganze Nacht von ihren Visionen erzählt hat. Und jetzt im Rückblick kapiert sie, dass allen wahrscheinlich klar war, dass sie high war, nur ihr selbst nicht.

Magdalena: "Oh my fucking god, I think I screamed. I was like: Man, I was in the Hospital, it was horrible. I was in hell. I just ate it all! He was screaming over me: Why did you take it all?! It's only two squares. Like even a big man can only take one row! And I was like: I ate it all, it was horrible!"

Das ist, wie sich Magda und Bang an diesen Abend erinnern, als die Bombe geplatzt ist. Der Rest von dem Abend war chaotisch, aber Magdalena wird erstmal nicht wütend. Weil – die Erleichterung darüber, eine Erklärung zu haben, gerade viel wichtiger für sie ist.

"Oh my god, I'm fine. I'm not sick. I'm not a mad woman. I'm not having any trouble with my brain and it will not happen again."
Magdalena

Magdalena: "I was really happy that I had the answer – finally. I'm like: oh my god, I'm fine. I'm not sick. I'm not a mad woman. I'm not having any trouble with my brain and it will not happen again. So I was like really relieved."

Sie ist nicht verrückt und es wird nicht wieder passieren. Die Schokolade ist nicht einmal für Magda gedacht gewesen, das Ganze – ein desaströser Fehler: Bang und seine Freunde wollten, nachdem sie in Warschau waren, in die Natur. Und da einen Ausflug der besonderen Art unternehmen. Die Schokolade hätten sie sich dann zu dritt geteilt. Nur, sie haben sie bei Magda vergessen.

Bang: "Unterwegs hab ich Madja noch geschrieben, Hey pass auf ich hatte da diese Schokolade bei dir im Kühlschrank vergessen und pass auf, die hat da so.. die da so... Pilze drin. Also wenn Du das magst, bestimmt ist es cool so, mit Freunden das mal zu teilen. Also, pass aber drauf auf."

Offensichtlich ist diese Nachricht nicht deutlich genug.

"This text message was absolute trash."
Magdalena

Denn Magdalena kapiert damals nicht, dass die Schokolade nicht einfach eine besonders exotische Sorte ist, mit Pilz-Geschmack. Sondern, dass da Drogen drin sind. Psychedelische Zauberpilze.

Magdalena: "I mean it didn't taste strange enough not to eat it. It was like chocolate that I just don't like."


Und auch, wenn die Schokolade bisschen oll und komisch geschmeckt hat, daran kann sich Magda tatsächlich noch erinnern: Schokolade ist Schokolade. Wenn man sich so eine ganze Tafel reinzieht, dann hätte man vorher wissen können, dass einem schlecht wird. Aber bestimmt nicht, dass man davon auf eine Reise geschickt wird, von der man als eine andere zurückkommt.

Der Albtraum hat sie befreit

Das alles ist jetzt vier Jahre her. Und in der Zeit hat sich Magdalenas Sicht auf die Dinge gewandelt. Eine Zeit lang, war sie wirklich wütend auf Bang, wegen dieser Fahrlässigkeit, wegen der sie diesen heftigen Albtraum durchleben musste, das Schlimmste was sie je erlebt hat. Und – hätte sich das nicht aufgelöst, sie hätte wahrscheinlich einen richtigen psychischen Knacks davon getragen.

Aber – sie hat es ja herausgefunden. Und jetzt sagt sie, dass diese Erfahrung sehr wertvoll war und irgendwie auch: positiv. Irgendwie etwas Gutes mit ihr gemacht hat.

Magdalena: "How silly it sounds. But I just started to have the energy of positive thinking and acting from inside. Like earlier sometimes I had to put on a mask to not to be such a grump that I was inside and I suddenly stopped to be such a grump.

Irgendwie ist sie diese Miesepetrigkeit los geworden, die sie früher oft in sich gespürt hat. Irgendwie spürt sie jetzt tief in sich... Glück? Weisheit?

Magdalena: It gave me this... I don't know how to say... Because it's a good word. Joyfulness. Joyfulness out of wisdom? I don't know how to say it... like lightweight.

Glück durch Weisheit – vielleicht?

Magdalena: "I think I died during this trip, like in a symbolic way. I think I died."

Magdalena sagt, sie ist während dieses Horror-Trips gestorben. Oder ein Teil von ihrem Ego ist gestorben. Das, was sie davon abgehalten hat, andere an sich heranzulassen. Sie ist durch ihre eigene, einsame Hölle gegangen – und konnte einen Teil von sich dort lassen. Der Albtraum hat sie befreit.

"I said to myself: if I survived this trip, I will survive everything."
Magdalena, Jahre nach einem unfreiwilligen Trip durch Magic Mushrooms in einer Tafel Schokolade