Unsere Märkte werden sich radikal ändern. Und in einigen Jahren wird Geld nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Die neue Macht liegt in den Daten: Ein Gespräch mit Buchautor Thomas Ramge über Datenmonopole, Wettbewerb im digitalen Markt und virtuelle Shopping-Assistenten.

Aus "Das Kapital" wird "Das Digital": Ganz bewusst haben die beiden Autoren Viktor Mayer-Schönberger, Rechtswissenschaftler an der Uni Oxford, und Journalist Thomas Ramge, der für brand eins und The Economist schreibt, ihr Buch so genannt.

Denn genau wie Karl Marx im Kapital fragen auch sie nach dem ökonomischen Mehrwert, wie er entsteht um umverteilt werden kann - allerdings im Hinblick auf den sogenannten "Datenkapitalismus".

Umverteilung von Informationen

Ähnlich wie Marx den ökonomischen Mehrwert umverteilen wollte, müssten heute Informationen umverteilt werden, auf die alle gleichberechtigt zugreifen können, sagt Buchautor Thomas Ramge. Im Moment haben ja vor allem einige wenige Internetriesen unsere Daten – und die rücken sie freiwillig nicht raus. 

"Der Staat muss eingreifen und seine kartellrechtliche Kompetenz zurückgewinnen, indem er sich die Marktverteilung in den digitalen Märkten anschaut."
Thomas Ramge, Journalist

Denn dort hätten wir inzwischen häufig Oligopol-Strukturen, so Ramge: Wenige große Unternehmen teilen sich den Markt. In manchen Bereichen, etwa dem Suchmaschinenmarkt, hätte Google de facto sogar eine Monopol-Stellung.

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Datenkapitalismus ≠ Industrie- und Finanzkapitalismus

Im Industrie- und Finanzkapitalismus habe der Staat genau solche Prozesse verboten und den Wettbewerb vorgeschrieben – um Innovationen zu fördern und die Preise niedrig zu halten. Genau diese Mechanismen funktionierten in der digitalen Welt, dem digitalen Markt, derzeit nicht.

"Wir brauchen so etwas wie das Kartellrecht 4.0. Wir nennen das die 'progressive Datensharing-Pflicht."
Thomas Ramge, Journalist

Die großen Datenplayer, fordert Ramge, müssten verpflichtet werden, einen Teil ihrer Daten mit Wettbewerbern zu teilen, um so die Angebotsvielfalt für die Nutzer sicherzustellen.

Die Daten gehören nicht den Unternehmen

"Die Daten gehören der Allgemeinheit", sagt Thomas Ramge. Insofern nimmt ein Data-Sharing den Unternehmen nichts weg. Für einen fairen Wettbewerb aber sei es notwendig, dass alle auf die selben Daten zugreifen dürfen - nur so sei Innovation möglich.

Aber wo bleibt der Datenschutz?

Die Datenmassen, die weiterverteilt und mit Wettbewerbern geteilt werden sollen, müssten natürlich anonymisiert oder pseudonymisiert angeboten werden, stellt Ramge klar. Der Datenschutz nutze derzeit sogar den Unternehmen, die bereits viele Daten haben: Denn wer einmal deren AGB akzeptiert hat, gibt ihnen damit Zugriff auf seine Daten.

Die Autoren von "Das Digital", Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge, glauben, dass die Marktwirtschaft in ihrer sozialen, ausgleichenden Ausprägung eine große Zukunft hat, wenn der Datenkapitalismus richtig gestaltet wird.

Digitale Effizienz

Die Autoren von "Das Digital" glauben, dass die Marktwirtschaft in ihrer sozialen, ausgleichenden Ausprägung eine große Zukunft hat, wenn der Datenkapitalismus richtig gestaltet wird.

"Datenreiche Märkte machen den Kapitalismus intelligenter und besser, weil durch intelligenteres Matching von Angebot und Nachfrage Ressourcen effizienter verteilt werden."
Thomas Ramge, Journalist

Weniger - aber exakter

In einem funktionierenden Datenkapitalismus würden die Märkte mit Hilfe der digitalen Vermittler Angebot und Nachfrage viel effizienter koordinieren, als das bisher der Fall war. Wir shoppen dann praktischerweise nur noch die Dinge, die wirklich zu uns passen, die wir brauchen und mögen. Sinnlose Einkäufe würden seltener - und Ressourcen geschont, sagt Ramge.

"Im Datenkapitalismus werden die Unternehmen selbst langfristig eine weniger wichtige Rolle spielen: Viele Dinge, die bisher von Firmen erledigt wurden, werden direkt auf den Märkten geschehen."
Thomas Ramge, Journalist

Dass Unternehmen auf Märkten agieren, sei zwar richtig, aber auch ein verkürzter Blick, erklärt Ramge: Von oben betrachtet seien Märkte und Unternehmen zwei konkurrierende Koordinationsmechanismen.