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In ihrem Roman "Automaton" erzählt Berit Glanz die Geschichte von Tiff, die von Unternehmen beauftragt wird, digitale Foto- und Videoaufnahmen zu sichten, zu beschreiben oder zu bewerten. Manchmal sind das grausame Bilder, die sie sich niemals vorzustellen gewagt hat.

Tiff ist fertig mit dem Autob, bei dem sie die Gesichtsausdrücke von Menschen auf Fotos klassifizieren sollte. Jetzt fühlt sie sich wortleer, regelrecht ausgesaugt. Tiff weiß, dass sie es sich leichter machen könnte, wenn sie wie Nik weniger Wörter verwenden würde. Der hat kein Problem damit, jeden zweiten Gesichtsausdruck mit "müde" zu beschreiben. Sie wäre definitiv schneller fertig.

Bilder von Überwachungskameras auswerten

Tiff ist ein Automaton, also: ein Mensch, der digitale Foto- und Videoaufnahmen sichtet und bewertet. Seitdem die junge, alleinerziehende Mutter für eine Social Media-Plattform mit den grausamsten Bildern, die sie sich bis dahin niemals vorzustellen gewagt hatte, konfrontiert wurde – ohne Vorwarnung, ohne Schutz und ohne psychologische Betreuung – arbeitet Tiff von zuhause aus und nimmt nur noch Aufträge an, sogenannte: Autobs, über die sie sich im Vorfeld in einem einschlägigen Forum mit anderen Automatons austauschen kann. Damit fühlt sie sich sicherer.

"Immer wieder hat Tiff Angst. Panikattacken und Alpträume machen ihr das Leben schwer. "
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literatur-Expertin über "Automaton"

Als ExtraEye in Tiffs Leben auftaucht, freute sie sich. Da bot ein Unternehmen, das offensichtlich über eine Menge Geld verfügte, regelmäßige, lukrative Autobs an. Tiffs prekäre Situation erlaubte ihr nicht wirklich, ExtraEye zu ignorieren. Obwohl sie Angst hatte, es könnte sich um irgendwelche schlimmen Bilder handeln. Aber weil Tiffs beste Freunde Nik und Stari sich auch für die Autobs von ExtraEye anmeldeten, machte Tiff mit.

Der Obdachlose mit dem Hund

Offensichtlich checken sie ab sofort für ExtraEye Aufnahmen von Überwachungskameras. Das Unternehmen verkauft seinen Kunden ein KI-Überwachungssystem. Aber anstatt einer künstlichen Intelligenz sitzen schlecht bezahlte Menschen weltweit vor ihren Bildschirmen und starren stundenlang auf Regalreihen, Fabriktore und Büroflure. Manchmal passiert stundenlang absolut nichts. Eine Kamera aber zeigt den drei Freunden regelmäßig Aufnahmen von einem Obdachlosen und seinem Hund.

Nacht für Nacht machen es sich die beiden in einer windgeschützten Einfahrt bequem. Der Bärtige scheint seinem Hund sogar etwas vorzulesen. Tiff, Nik und Stari sind heimlich Fans von den beiden. Als eines Tages der Mann verschwindet, und der Hund allein auftaucht und schließlich brutal von einem Mann weggezerrt wird, weiß Tiff sofort: Sie muss den Mann finden. Egal wie.

Das Buch

"Automaton" von Berit Glanz, Berlin Verlag, 223 Seiten, 22 Euro, E-Book: 19,99 Euro, Hörbuch zum Beispiel bei BookBeat, gelesen von Nina Reithmeier; Erscheinungstag: 24.02.2022.