"Der Unsichtbare" von H.G. Wells erzählt die Geschichte eines vermummten Fremden, der sich eines kalten Winters in einem verschlafenen, englischen Dorf niederlässt und keine Anstalten macht, jemals wieder abzureisen. Wer ist dieser Mann? Und was ist sein Geheimnis?

Mr. Cuss hält es nicht mehr aus: Seit Wochen hört der Dorfarzt Geschichten von einem namenlosen Fremden, der sich seit Februar im Gasthof "Zum Fuhrmann" einquartiert hat und der seine Bleibe, wenn überhaupt, nur in den Abendstunden verlässt. 

Unhöflich, unfreundlich, geheimnisvoll

Der Fremde geht jedem Kontakt mit Dorfbewohnern aus dem Weg. Kindern und Hunden begegnet er mit offensichtlichem Ekel. Vielleicht liegt das an dem Unfall, den der Mann hatte, vermutet die Wirtin. Denn der Fremde trägt Verbände um seinen Kopf, und stets einen Hut, Handschuhe und Halstücher.

"Der alte Wirt hatte Cuss von ungewöhnlichem Gepäck berichtet: Fläschchen voller Pulver und Flüssigkeiten. Auf manchen habe "Gift" gestanden.“
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Cuss muss den Fremden unbedingt kennenlernen. Ist er wirklich ein Wissenschaftler, der auf seinem Zimmer Experimente durchführt? Oder doch ein Anarchist, der Sprengstoff herstellt? So vermutet es der Dorflehrer. Dann macht Cuss einen großen Fehler: Er betritt das Zimmer des Mannes, ohne anzuklopfen. Hätte er das mal besser nicht getan. 

"Was dann passiert, weiß nur Mr. Cuss. Die Wirtin horcht an der Tür, wird aber nicht schlau daraus: ein Murmeln, ein Schrei, das Scharren von Füßen, das dumpfe Poltern eines umfallenden Stuhls und dann ein heiseres Lachen."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Wenige Minuten später flüchtet Cuss aus dem Zimmer – stumm und kreidebleich. Der Dorfarzt hat Dinge gesehen, die er nicht hätte sehen sollen. Beziehungsweise er hat Dinge nicht gesehen, die er eigentlich hätte sehen müssen. Hände zum Beispiel. Denn aus den Hemdärmeln des Fremden guckt nichts heraus. Auch hinter seiner Brille ist Leere. Und durch einen Riss in der Hose dringt Tageslicht. 

Wieder mal auf der Flucht

Der Unbekannte hat natürlich einen Namen: Griffin. Sein Medizinstudium hat er geschmissen, um sich der Entwicklung eines Mittels zu widmen, das lebendiges Zellgewebe unsichtbar macht. Das hat er geschafft. Doch die Nachteile überwiegen die Vorteile. Es ist der blanke Horror. Und gerade als er dabei ist, ein Gegenmittel zu entwickeln, kommt der Dorfarzt hinter das Geheimnis. Jetzt wird er zum Gejagten des Dorfes. Wieder mal ist Griffin auf der Flucht. Und er wird schwer verletzt. Am Dorfrand trifft er auf Kemp, einem früheren Kollegen von der Universität.

"Kemp gibt sich freundlich und verspricht seinem Kollegen Unterstützung bei seinem Experiment. Aber Kemp spielt ein falsches Spiel."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

Herbert George Wells war ein englischer Historiker, Soziologe, Schriftsteller und ein Pionier der Science-Fiction-Literatur. Sein Roman "Der Unsichtbare" wurde bereits 1897 veröffentlicht.  Die von Lydia gelesene Ausgabe erschien 1993 im Paul Zsolnay Verlag und stammt aus dem Englischen von Brigitte Reiffenstein und Alfred Winternitz. Im Frühjahr 2018 erscheint nach den Wellsklassikern "Der Krieg der Welten 1 & 2", "Die Insel des Dr. Moreau" und "Die Zeitmaschine" auch der "Der Unsichtbare" als Comic in zwei Bänden beim Comicverlag Splitter.