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Ankommen und Fremdbleiben: Anna Prizkau hat dieser Freundin, dieser Tochter keinen Namen gegeben. Ihre 12 Erzählungen heißen "Fast ein neues Leben".

Die namenlose weibliche Hauptfigur in Anna Prizkaus schmalem Erzählband "Fast ein neues Leben" muss viel aushalten. Sie ist immer nur die Freundin, die Tochter, die Antragstellerin, oder die Ausländerin. In den insgesamt zwölf Erzählungen muss sie sich immer wieder verorten, wenn sie gefragt wird, woher sie komme. Als ob diese Information über sie etwas ändern würde. Es ist doch sowieso schon alles anders, sobald sie nur auftaucht. Jeder hat sofort ein Bild von ihr vor Augen – von der Migrantin, der Neuen, der Fremden.

So sieht die Figur Martha in der Erzählung "Drei Mütter" in der neuen Schülerin eine Freundin, mit der sie Familie spielen kann, um auch mal das Gefühl zu haben, dass sie alles unter Kontrolle hat und gebraucht wird. Aber dann spielt die neue Freundin plötzlich nicht mehr mit. Und Martha gibt ihr die Schuld am eigenen Schmerz. So jung und schon auf der Suche nach einem Sündenbock.

Beziehungen unter Eingewanderten

In der Erzählung "Thanky Panky" fährt die inzwischen erwachsene Tochter mit dem Vater ans Meer. Er hat ihr die Reise geschenkt. Er, der jahrelang ihr Vorbild gewesen ist, der sich im neuen Land sofort ins Leben gestürzt hat, der die neue Sprache gelernt, sich Arbeit gesucht, sich nie beschwert hat, auch nicht über die vielen Tränen seiner unglücklichen Frau, der alles probiert hat, um anzukommen – und der heute kein normales Gespräch mit seiner Tochter führen kann, ausgerechnet der will mit ihr Urlaub machen?

"In allen zwölf Erzählungen von Anna Prizkau steht was Großes zwischen Tochter und Vater, zwischen der Familie, die sie früher einmal waren, und der, die sie heute sind."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literaturexpertin

Bereut der Vater, dass er das alte Land verlassen und seine Familie mitgenommen hat? Fühlt er sich schuldig? Ist er es?

Ankommen als Generationenfrage

Nicht er hat sich, seine Frau und seine Tochter zu Fremden gemacht. Er hat seine Tochter nie misstrauisch beobachtet, wenn sie versonnen durch ein Geschäft bummelte. Nicht er sitzt im Arbeitsamt auf entscheidendem Posten und legt seiner Tochter die verschwitze Hand auf das Knie. Er ist auch nicht verantwortlich für ihre Scham.

Er hat im Grunde nichts falsch gemacht. Er hat nur gehofft, ein neues Leben anzufangen. Diese Hoffnung schwindet, je älter er wird. Bei seiner Tochter aber ist umgekehrt. Je älter sie wird, desto weniger schämt sie sich, desto mehr kommt sie an. In dem Leben, das sie will.

"Fast ein neues Leben", Erzählungen von Anna Prizkau, Friedenauer Presse, Matthes & Seitz Berlin, 111 Seiten, 12,99 Euro. Erschienen am 02.11.2020.