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Campingurlaub mit den Eltern kann furchtbar sein. Vor allem, wenn man wie in Victor Jestins Debütroman "Hitze" keine Lust auf nichts hat, für ein unerreichbares Mädchen schwärmt und für einen Mord verantwortlich ist, obwohl man nichts getan hat.

Die Türen des Wagens schließen sich, alle sagen noch einmal halbherzig "Tschüss, Campingplatz!" und dann fährt die Familie wieder nach Hause. Für den Vater, die Mutter und Alma, das jüngste der drei Kinder, mag es ein schöner Urlaub gewesen sein. Für Adrien zumindest ein bisschen. Für den siebzehn Jahre alten Léonard definitiv nicht. Er ist froh, endlich weg zu sein. Doch die Erinnerungen an die letzten zwei Urlaubstage lassen ihn einfach nicht los.

Ein Geheimnis, das man nicht teilen kann

Für Léonard ist der Campingurlaub von Anfang an eine Qual: Auf die Partys am Strand hat er keine Lust, er schwitzt ununterbrochen, möchte jedoch nicht ins Wasser gehen. Er findet sich zu hell, zu schmächtig – er schämt sich für seinen Körper. Die einzige Nummer, die er eingespeichert hat, ist die seines Kumpels Louis, der nichts anderes als Sex im Kopf hat. Und sein Schwarm Luce hängt nur mit Tom, Yann und Oscar ab.

Als Oscar plötzlich verschwindet, weiß nur Léonard wohin. Aber er weiß einfach nicht, wem er es sagen soll und vor allem nicht wie. Denn wie sagt man jemanden, dass man etwas Schlimmes getan hat, obwohl man nichts getan hat?

Ein Ende, das einen ratlos zurücklässt

Immer wieder ist Léonard die zwei Tage in Gedanken durchgegangen. Er konnte sich nicht dagegen wehren. Vor seinem inneren Auge erschienen immer wieder dunkel die Schaukel, die Düne, Oscars leerer Blick, das Lachen von Luce, seinem Schwarm, und dieser Kuss.

"Léonard ist die letzten zwei Urlaubstage immer wieder in Gedanken durchgegangen. Er konnte nichts dagegen machen, es war immer alles da: die Dunkelheit, die Schaukel, die Düne, Oscars leerer Blick, das Lachen von Luce, der Kuss."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literatur-Expertin

Doch auch, wenn sich das Auto immer weiter vom Campingplatz wegbewegt – das Kopfkino will einfach nicht stoppen. Aber es muss endlich aufhören. Also bittet er seinen Vater, sofort umzudrehen. Ds Polizeiauto steht immer noch vor dem Eingang des Campingplatzes. Léonard geht zielgerichtet in den Empfang, auf einen der Beamten zu und sagt: "Ich habe Oscar umgebracht." Alles, was Léonard jetzt gerne tun würde ist: Tanzen.

Mit diesem Ende lässt Autor Victor Jestin die Leser- und Leserinnen seines Romans "Hitze" völlig aufgewühlt zurück, so beschreibt es Deutschlandfunk-Nova-Literaturexpertin Lydia Herms. Zwar versteht man die Gefühle des Protagonisten Léonard, tauschen möchte man mit ihm aber sicherlich nicht. Für ihn ist das Ende die Erlösung, weil Léonard endlich über das spricht, was ihn so sehr belastet, sagt Lydia Herms.

"Das Ende dieser Geschichte ist eine Erlösung für den siebzehn Jahre alten Léonard, weil er endlich über das spricht, was ihn quält. Und trotzdem bleibt alles offen."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Literaturxpertin über das Ende des Romans "Hitze"

Das Buch

"Hitze" (Originaltitel: "La chaleur") von Victor Jestin | aus dem französischen ins Deutsche übersetzt von Sina de Malafosse | erschienen bei Kein & Aber | 157 Seiten | gebundene Ausgabe (Hardcover): 20 EUR, E-Book: 16,99 EUR | ET: 12.05.2020.