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Der neue Roman von Benedict Wells erzählt davon, wie ein mutloser Junge über sich hinauswächst. "Hard Land" spielt in den 1980er Jahren, in einer Kleinstadt in Missouri. Das Buch ist inspiriert von Filmen wie "Zurück in die Zukunft", "The Breakfast Club" oder "Pretty in Pink".

Wisst ihr, wer Marty McFly ist? Wenn ja, seid ihr A) alt oder B) Zeitreisende oder C) ihr liebt einfach nur alte Filme aus den 1980ern. So wie Benedict Wells. Dessen neuer Roman spielt in dieser Zeit, in einer Kleinstadt in Missouri.

Marty McFly kommt in "Hard Land" sogar kurz vor – wenn auch nur auf einer Kinoleinwand. Und auch, wenn der schmächtige Zeitreisende Marty im Film echt cool ist, der schmächtige Sam in Benedict Wells‘ neuem Roman ist noch viel cooler, sagt Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin Lydia Herms. Nur eine Zeitmaschine, die hat Sam leider nicht.

Der 16. Geburtstag (1985)

Sam hängt am Beckenrand in Camerons Garten, während seine Freunde wilde Sprünge in den Pool machen. Die Sonne geht unter, und Sam weiß sofort, dass dieser Moment das perfekte Beispiel für Euphancholie ist – für diese besondere Mischung aus Euphorie und Melancholie. Du willst, dass der Moment niemals vorbeigeht, weißt aber schon, wie es sich anfühlen wird, wenn er längst vorbei ist…

"Man will, dass der Moment niemals vorbeigeht, weiß aber schon, wie es sich anfühlen wird, wenn er längst vorbei ist…"
Lydia Herms über Protagonist Sam in "Hard Land" von Benedict Wells

Sam ist auf der Ladefläche eines Pick-ups durch die Stadt gebraust. Er ist von der Selbstmordklippe zehn Meter tief in den See gesprungen. Und er hat vor seinen Freunden "The Joker" auf der Gitarre gespielt. Hätte man Sam vor einem Jahr gesagt, wie er seinen sechzehnten Geburtstag verbringen würde, er hätte es nicht geglaubt. Er hätte sich allein gesehen, ohne Freunde, zuhause, mit seinen Eltern. Wie jedes Jahr.

Eigentlich ist Sam mit seinen Eltern verabredet. Doch Kirstie schlägt ein Rennen mit den Golf-Karts vor. Sam vergisst die Zeit. Er vergisst sein schlechtes Gewissen. Er vergisst das Schweigen seines Vaters. Und: Er vergisst die Krankheit seiner Mutter… Im nächsten Augenblick geht die Sonne auf. Sam und Kirstie stehen vorm "Larry’s" – die Bäuche voll mit Kaffee und Speck und Bratkartoffeln und Rührei und Waffeln – und schweigen sich grinsend an.

Ein Kuss von Kirstie

Juli 1985. Das war er also, der krasseste Geburtstag, den Sam je in seinem Leben hatte. Und je haben wird. Denn er wird noch krasser als krass. Zum Abschied kriegt er nämlich das, wovon er nicht mal zu träumen gewagt hatte: einen Kuss. Von Kirstie. Spätestens jetzt könnte die Welt still stehen bleiben – wie in einem kitschigen Teenager-Film. Es gibt nichts Besseres, als mit pelziger Zunge, in den Klamotten vom Vortag, nach einer durchfeierten Nacht im Sonnenlicht auf der Straße einer US-amerikanischen Kleinstadt mit seiner ersten großen Liebe zu knutschen. Wirklich nichts.

Aber es gibt Schlimmeres. Und würde man Sam jetzt sagen, dass er sich in weniger als einer Stunde wünschen wird, er hätte das alles nicht erlebt, sondern wäre am Abend aus dem Pool gestiegen und direkt nach Hause gefahren, dann würde er sofort wissen, wieso.

"Er würde noch schneller rennen, direkt ins Schlafzimmer seiner Mutter. Und er würde die Zeit zurückdrehen wollen."
Lydia Herms über Protagonist Sam in "Hard Land" von Benedict Wells

Er würde noch schneller rennen, die Straße runter, Richtung Friedhof, neben dem ihr Haus steht, vorbei an dem Krankenwagen, die Treppe hoch, direkt ins Schlafzimmer seiner Mutter. Und er würde die Zeit zurückdrehen wollen. Nochmal auf Anfang.

Der Roman von Benedict Wells erzählt davon, wie ein mutloser Junge über sich hinauswächst. Sam lebt mit der ständigen Angst, dass seine Mutter stirbt. Sie hat Krebs. Wenn die Prognosen der Ärzte stimmen, stirbt Sams Mutter bald. Aber wann genau? Und wie? Und wo wird Sam sein, wenn es soweit ist? Wird ihm seine Mutter böse sein, wenn er vielleicht woanders ist, wenn es soweit ist? Und wie wird das Leben ohne sie sein? Ohne ihre Wärme. Ohne ihren Zuspruch und ohne ihr großes Verständnis für seine Ängste vor Dingen und Menschen, die ihm nicht geheuer sind.

Das Buch

"Hard Land" von Benedict Wells | Diogenes Verlag | 343 Seiten | gebundene Ausgabe (Hardcover): 24 Euro, es gibt (noch) kein E-Book | erschienen am 24.02.2021 | Ein Hörbuch, gelesen von Robert Stadlober, erscheint im April.