Schon mal einen Liebesbrief geschrieben, bei dem ihr alles auf den Tisch legt, egal wie peinlich es rüberkommen mag? Wenn nicht, dann könnt ihr in die Lehre von Chris Kraus gehen. Die hat das Liebesbriefschreiben ins Extreme ausgereizt – und das Buch "I Love Dick" draus gemacht.

Es beginnt mit einem Gespräch unter Freunden bei gutem Essen. Ein Blick in ihre Richtung, vielleicht zwei, oder drei? Sie zählt nicht mit. Eine Kreditkarte, mit der sie nach dem Essen die gesamte Rechnung begleicht, aus einem plötzlichen Gefühl der Stärke heraus. Und von diesem Moment an ist Chris nicht mehr die, die sie eben noch war.

Eigentlich verläuft der Abend ganz normal, auch die Nacht, die Chris und ihr Mann Solvère in Dicks Haus verbringen. Aber er hat etwas mit Chris gemacht. Am nächsten Tag fängt es an, in Chris zu brodeln, so, als wäre sie wieder sechzehn Jahre alt und unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Sie verliebt sich in Dick, den Freund und Kollegen ihres Mannes, diesen klugen, verschrobenen Professor in Gestalt eines Cowboys.

"Innen drin in Chris brodelt es wie verrückt, so, als wäre sie wieder sechzehn Jahre alt und unfähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen."
Lydia Herms, Deutschlandfunk Nova

"I Love Dick" heißt das Romandebüt der Künstlerin Chris Kraus. Das Buch ist bereits 1997 erschienen, aber damals haben nur wenige Notiz von der Geschichte genommen – Menschen aus der Kunstszene handelten Chris Kraus' autobiografisches Geständnis lange als Geheimtipp. Und die Neuauflage im Jahr 2016 ging dann durch die Decke. So weit, dass das Buch inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt und sogar als Serie verfilmt wurde. Dabei geht es um nicht mehr und nicht weniger als um eine Frau, die sich in einen Mann verliebt, der wiederum Freund ihres Mannes ist. Sie schwärmt für ihn. Sie träumt von ihm. Sie verzehrt sich nach ihm. Und sie wird vielleicht mit ihm fremdgehen.

Natürlich bemerkt Solvère, dass Chris anders ist – aufgekratzt und erregt – und dass sie wieder schreibt. Er bemerkt aber auch, dass sie sich deswegen schämt. Das ist in den neun Jahren, die sie jetzt zusammen sind, noch nie passiert. Sie sind eingespielt: Er schreibt, sie macht Filme. Und sie erzählen sich alles. Darum erzählt sie ihm natürlich auch von der Sache mit Dick, die ja genau genommen noch gar keine Sache ist.

Gedankenspiel über Sex, Liebe, Fremdgehen

Und Solvère lässt sich auf dieses Gedankenspiel ein: Was wäre wenn. Gemeinsam schreiben Chris und Solvère Dick dann einen Brief. Tagelang machen sie nichts anderes, reichen sich das Notebook hin und her, streichen und ergänzen, lachen und weinen. Sie sind sich näher als jemals zuvor.

Aber es bleibt nicht bei dem einen Brief, sie schreiben weitere. Manche sind wütend, andere verzweifelt, es sind Briefe voller Sex und ohne Zensur. Während Solvère dabei seine Schwäche erkennt, entdeckt Chris beim Schreiben etwas, dass sie nicht kannte: Sie entdeckt sich selbst, als Künstlerin, als Frau. Irgendwann sind es neunzig Seiten. Sie müssen eine Entscheidung treffen: Entweder sie schmeißen das Zeug weg, oder sie schicken es endlich ab.

Die Autorin

Chris Kraus, 1955 in New York City geboren, ist Filmemacherin und Autorin. Index nannte sie »eine der subversivsten Stimmen der amerikanischen Literatur«. Ihre Arbeit wurde für ihre vernichtende Intelligenz, Verletzlichkeit und ihr grelles Tempo gelobt. I love Dick ist ihr wichtigstes Buch. Sie lebt in Los Angeles.

Das Buch

"I Love Dick" von Chris Kraus, übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Kevin Vennemann, hat 292 Seiten. Das Buch ist als Taschenbuchausgabe bei btb erschienen (10 EUR), die gebundene Ausgabe (Hardcover) gibt es bei Matthes & Seitz (22 EUR) und die eBook-Ausgabe kostet 17,99 EUR.