• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Es ist diese eine große Frage, die sich so schwer beantworten lässt, die aber immer wieder gestellt werden muss: Wie konnte das passieren? Warum sind Hitler so viele Menschen gefolgt? Und: Wäre ich dabei gewesen? Der Roman "Und ich war da" von Martin Beyer versucht, Antworten zu finden.

Auch wenn es "nur" Erinnerungen eines Mitläufers sind, dieses Buch haut einen um beim Lesen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin Lydia Herms. Dieser Mitläufer bereut, keine gefestigte Haltung gehabt zu haben – weder als Junge auf dem Hof seines strengen Vaters noch später als (sehr) junger Mann bei den Nazis. Dabei war er nie durch und durch rechts gewesen.

Nicht rechts, aber auch nicht dagegen

Aber er war eben auch nicht richtig dagegen oder gar links, er war immer irgendwo in der Mitte. So kam es, dass er bei einem Ereignis dabei war, über das er erst mehr als 50 Jahre später sprechen kann – erst, als ihn seine Tochter, die Psychologie in Frankfurt studiert, bittet, aus den Kriegsjahren zu berichten, damit sie weiß, wer ihr Vater ist.

"Dieses Buch ist anders als alle anderen Romane, die sich mit Mitläufern in der NS-Zeit beschäftigen, wenn auch nicht weniger schrecklich. Aber es ist 'menschlich'."
Lydia Herms über "Und ich war da" von Martin Beyer

Der Roman "Und ich war da" von Martin Beyer erzählt von August, dem Bauernsohn und Mörder, dem guten Freund und Feigling. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie man selbst an Augusts Stelle entschieden hätte. 1919 geboren lernte er von klein auf, sich unterzuordnen. Zuerst dem Vater, gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Konrad. Sie mussten hart arbeiten, in jeder freien Minute. Wenn sie zu den Treffen der Hitlerjugend gingen, auch nachts.

Während Augusts Bruder Konrad bei diesen Treffen regelrecht aufblüht und seine Bestimmung darin sieht, schon bald dem Vaterland als Wehrmachtssoldat zu dienen, ist August eher nur so "dabei". Wenig begeistert, aber auch nicht angewidert genug, um sich den Unternehmungen und Mutproben zu entziehen oder gar zu widersetzen. So wie Paul. Selbst als er Pauls Geheimbund kennenlernt, in dem ganz anders gedacht und diskutiert wird, geht August weiter ohne Murren zu den Treffen der HJ.

August war dabei, als Sophie Scholl starb

Es ist seine Tochter Anna, die August viele Jahre später dazu bringt, endlich alles aufzuschreiben, was ihm zwischen 1938 und 1943 widerfahren ist. Alles über den Krieg, über die Nationalsozialisten – und über seine Schuld, die ihn mit Albträumen plagt. Anna studiert Psychologie und will wissen, wer ihr Vater ist. Er tut es ihr zuliebe. Und auch für sich. Anna wird nicht gefallen, was sie in seinem Bericht lesen wird. Sie wird erfahren, was ihr Vater getan hat. Aber auch, was er nicht getan hat. Er war dabei, als Sophie Scholl starb. Er fand es nicht richtig, aber er war dabei. Er schämt sich. Er war ein Mitläufer.

Insgesamt ist das Buch sehr spannend aufgebaut, sagt Lydias Herms. Es ist schrecklich in den Schilderungen, aber voller Gefühle, die erklären (können), was in einem Teenager passiert, als Hitler an die Macht kommt – wenn um einen herum plötzlich zählt, wer man ist, zu wem man gehört, was man sagt und was man denkt.

Hier liest der Autor aus seinem Buch vor.

"Und ich war da" von Martin Beyer, Ullstein Verlag, 185 Seiten (inkl. Anhang), gebundene Ausgabe (Hardcover): 20 EUR, E-Book: 16,99 Euro

Martin Beyer, geboren 1976, ist promovierter Germanist und lebt und arbeitet in Bamberg als freier Autor und Dozent für Kreatives Schreiben. 2009 erschien sein Debütroman "Alle Wasser laufen ins Meer". Im selben Jahr erhielt er den Walter-Kempowski-Literaturpreis, 2011 den Kultur-Förderpreis der Stadt Bamberg.