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Der Nahostkonflikt ist gerade ein großes Thema. Der Roman "Winternähe" von Mirna Funk erzählt die Geschichte einer deutschen Jüdin, die 2014, im Jahr der letzten schweren Kämpfe im Gazastreifen, nach Israel geht. Die Lektüre kann Orientierung bieten und in dieser komplizierten Zeit vielleicht ein bisschen helfen, findet unsere Rezensentin.

Wie leider sehr oft, wenn es um Israel geht, melden sich gerade auch viele Menschen zu Wort, die den Unterschied zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus nicht kennen – oder die beides sogar ganz absichtlich gleichsetzen.

Eine Orientierungshilfe

Der Nahostkonflikt ist komplex und kompliziert. Schnell kann aus einer Gemengelage von Fakten, Meinungen und Hetzreden Überforderung entstehen.Vielleicht geht es euch ja ähnlich. Wir haben einen Vorschlag: Lest das Romandebüt von Mirna Funk aus dem Jahr 2015.

"Winternähe" erzählt von Lola – einer Deutschen Anfang 30, Fotografin, Instagram-Star mit fast 50.000 Followern. Nahaufnahmen sind Lolas Thema. Manchmal erkennt man nicht gleich, was da auf ihren Fotos zu sehen ist. Abgeplatzter Lack, korrodiertes Metall, Schichten von Staub. Bilder, auf denen ihr Vergangenheit, Gegenwart und irgendwie auch die Zukunft verwoben scheinen. Und irgendwie passt das ganz gut zu ihrem Gefühlsleben.

"Man muss doch auch mal offen etwas sagen dürfen!"

Seit gestern ist sie arbeitslos. Sie hat gekündigt. Mitten in einem Meeting. Ihre Kollegin Viktoria hatte es für wichtig gehalten, fünf Minuten lang über den Einfluss der Familie Rothschild fabulieren zu müssen. Was genau Viktoria gesagt hat, spielt keine Rolle. Eine Rolle spielt aber, dass ihr von den fast zwanzig Anwesenden niemand widersprochen hat.

489 Tage hat Lola dort in der Agentur gearbeitet. 489 Tage neben und mit Antisemiten. Oder nicht? Das letzte, was sie zu hören bekommen hatte, als sie ging, war nicht etwa: "Es tut mir leid!" – sondern: "Man muss doch auch mal offen etwas sagen dürfen!".

"Wir alle sind schuldig. Jeder einzelne macht sich schuldig, jeden Tag. Menschen machen sich schuldig. Länder machen sich schuldig. Keiner ist nie unschuldig."
Protagonistin Lola in "Winternähe" von Mirna Funk

Lola spricht über Israel am liebsten mit Menschen, die das Land kennen. Mit Gershom zum Beispiel, ihrem Opa. Aber jede Kritik am Vorgehen der israelischen Soldaten lehnt der als "linksradikal" ab. Bei Gershom und ihrer Oma Hannah ist Lola aufgewachsen, in Ost-Berlin. Sie haben Lola jüdisch erzogen. Die Oma ist jetzt tot. Und der Opa lebt in Israel.

One way nach Tel Aviv

Kurz entschlossen bucht Lola ein One-way-Flugticket nach Tel Aviv. Sie bleibt eine Woche, dann zwei, dann drei. Sie weiß: Sie wird so lange dort bleiben müssen, bis sie Antworten auf ihre Fragen gefunden hat. Und dann explodieren über dem Balkon ihrer Ferienwohnung die Raketen. Es klingt wie Donner.

Wie es Lola in Tel Aviv ergeht, wie sie die Kämpfe übersteht, ob sie ihren Platz in der Welt findet und wer dabei an ihrer Seite steht, könnt ihr in "Winternähe" lesen. Das Buch hilft beim Verstehen und beim Verantwortung übernehmen für die eigene Geschichte, findet Lydia Herms.

Das Buch
"Winternähe" von Mirna Funk | S. Fischer Verlag | Taschenbuch (2017): 12 Euro, E-Book: 9,99 Euro | Erschienen 23.07.2015

Die Autorin
Mirna Funk wurde 1981 in Ostberlin geboren und studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin und schreibt über Kultur und ihr Leben zwischen Berlin und Tel Aviv. Für ihren Debütroman "Winternähe" wurde sie mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet.