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Vielen von uns ist Datenschutz wichtig – und trotzdem geben wir unsere Daten scheinbar freigiebig preis. "Privacy-Paradox" wird dieses Phänomen genannt. Aber handeln wir wirklich paradox? Oder haben wir gute Gründe dafür und wägen rationaler Kosten und Nutzen ab, als uns unterstellt wird? Das erörtert der Mediennutzungsforscher Martin Emmer in seinem Vortrag.

Wenn ihr es nicht von euch selbst kennt, dann kennt ihr es wahrscheinlich von anderen: die Sorge, in wessen Hände die eigenen Daten kommen könnten. Trotzdem nutzen viele von uns Social-Media-Dienste, Onlineshops, Smart Devices und Co.

"Privacy ist ein komplexes Problem."
Martin Emmer, Mediennutzungsforscher

Dieses als Widerspruch wahrgenommene Verhalten wird Privacy Paradox genannt. Schon in dem Begriff schwingt allerdings eine Bewertung mit: Wir handeln paradox, so die Annahme, nämlich gegen unsere Interessen oder Befürchtungen. Vielleicht, weil wir einfach aufgegeben haben? Oder weil wir die Tragweite unserer Handlung nicht begreifen? Oder sie zwar verstehen, aber dennoch ignorieren?

"Man sollte vorsichtig sein, dieses Teilen von Daten im Netz zu pathologisieren und das grundsätzlich zu einem Problem zu erklären."
Martin Emmer, Mediennutzungsforscher

Martin Emmer warnt vor vorschnellen Schlüssen. "Weil sie bestimmte Nutzenfaktoren im Blick haben, sind Leute eben auch bereit, dafür mit Daten zu bezahlen", bietet er als alternative Erklärung an. Das Teilen von Daten trotz Datenschutzbedenken könne durchaus eine rationale Handlung sein und solle nicht per se als Problem betrachtet werden.

Privacy trotz Sorgen aufzugeben, muss kein Problem sein

Er räumt dabei auch ein, dass es durchaus auch weitere pessimistischere Erklärungen für diese Kluft zwischen Sorge und Tun gibt. Gerade aber bei jüngeren Menschen sei das Sozialleben viel mehr digital organisiert als das von älteren Generationen – für viele sei ein Opt-out daher sowieso keine Option.

"Ratschläge wie 'melde Dich doch ab aus diesen Plattformen', sind natürlich vollkommener Unsinn."
Martin Emmer, Mediennutzungsforscher

In seinem Vortrag geht Martin Emmer der Frage nach, ob wir ein Bewusstsein für Datenschutz-Risiken haben, wie wichtig uns Privacy ist und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.

Passt unser Wissen um Privacy und deren Bedrohung tatsächlich nicht zusammen mit unserem Handeln? Oder ist unser Verhalten Ergebnis bewusster Abwägungen? Oder entscheiden wir zwar überlegt, aber nicht gut oder nicht frei? Und müssten Privacy-Strukturen nicht besser reguliert werden?

Der Vortrag

Martin Emmer ist Professor für Publizistik- und Kommunikationswissen­schaft an der Freien Universität Berlin und leitet dort die Arbeitsstelle Mediennutzung. Außerdem ist er Gründungsdirektor und Principal Investigator am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft.

Sein Vortrag "Das Privacy-Paradox – Warum Wissen um Datensicherheit im Alltag nicht ausreicht" wurde am 7. Juli 2021 als Teil des Offenen Hörsaals der FU aufgezeichnet und zwar im Rahmen Ringvorlesung "(IT-)Sicherheit ganzheitlich denken. Sicherheit im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft".