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"Das Alphabet der Puppen" von Camilla Grudova ist eine Sammlung schaurig-schön verstörender Geschichten - genau richtig für die dunkle Jahreszeit, meint unsere Literatur-Autorin Lydia Herms.

"Liebling, komm schnell nach Hause! Etwas Schreckliches ist passiert." Die Nachricht wird Bernadette um elf Uhr fünfzehn von einem Postboten überbracht. Da steht sie bereits seit mehr als drei Stunden an der Kasse im Gemischtwarenladen.

Bernadette verschließt die Ladentür und meldet sich bei ihrem Vorgesetzten ab. Auf dem Weg nach Hause kommt in ihr eine leise Ahnung auf, was passiert sein könnte. Hatte sie das Rattengift am Vorabend nicht aufgefegt? Gleich nachdem ihr Mann Edward gierig einen großen Mandelpudding verschlungen, und sich daraufhin übergeben und ins Bett gelegt hatte?

Edward liegt auf dem Boden neben ihrem Ehebett. Die Decke liegt halb über ihm. Er blinzelt, als er sie sieht. "Bernadette", sagt er, "ich bin gestorben".

"Jede ihrer Erzählungen ist auf die eine oder andere Weise bizarr."
Lydia Herms über Grudovas Erzählband "Das Alphabet der Puppen".

"Edward, verwöhne nicht die Toten", heißt eine der insgesamt dreizehn Geschichten in "Das Alphabet der Puppen", dem literarischen Debüt der kanadischen Schriftstellerin Camilla Grudova. Und jede der Erzählungen ist mehr oder weniger bizarr:

Da verliebt sich etwa in "Notizen einer Spinne" ein reicher, potenter, achtbeiniger Mann in eine Nähmaschine. Und in der Erzählung "Ungarische Sprotten" will ein Mann sein gesamtes Reisegepäck gegen Diebstahl sichern, indem er es Stück für Stück in Dosen füllen und als Sprotten deklarieren lässt. Leider wird sein blechernes Gepäck fehlgeleitet, an Märkte in ganz Europa geliefert und schließlich verkauft. So geraten ein Klistierballon, ein Filzhut, ein beigefarbener Gummiball, ein ausgestopftes schwarzes nordamerikanisches Eichhörnchen, achtzehn Krawattennadeln, einhundert Paar schwarze Seidensocken, kurzum: sein gesamter Hausstand in falsche Hände. Lediglich einen Bären aus Bronze, in dessen Bauch Verdauungstabletten versteckt sind, kann der Reisende retten.

"Das Alphabet der Puppen" (OT: "The Doll’s Alphabet") von Camilla Grudova, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Zoė Beck, erschienen bei Culturbooks, 190 Seiten, ET: 05.10.2020