Lange glaubten wir, der Mensch sei das einzige Lebewesen, das seine Artgenossen töte. Doch inzwischen kennen wir auch Kannibalismusgeschichten aus dem Tierreich. Der Sandhai frisst beispielsweise seine Geschwister im Uterus.

Bei aller menschlichen Grausamkeit fällt es uns dennoch schwer vorzustellen, wie Embryonen sich im Uterus gegenseitig auffressen. Im Uterus von Sandhai-Weibchen haben Forscher diesen mörderischen Geschwisterkampf oder intra-uterinen Kannibalismus - die Embrypophagie - beobachtet.

Der Sandhai ist eine etwa zwei Meter große lebend gebärende Haiart. Die Embryonen ernähren sich im Uterus zunächst vom eigenen Dottersack. Bei den erstgeschlüpften Embryonen entwickeln sich bereits Zähne, so dass sie anfangen, die später entwickelten Embryonen aufzufressen. Von ursprünglich 20 bis 25 Embryonen bleiben am Ende nur zwei übrig, die dann als junge Sandhaie geboren werden.

Embryophagie, Infantizid - oder einfach Hunger

Welche Motive könnten Tiere haben, ihre Artgenossen zu töten? Denn niedere Beweggründe wie Hab- oder Eifersucht können wir im Tierreich weitestgehend ausschließen. Tierexperte Mario Ludwig bringt es auf den Punkt:

  • Hunger: Bei Nahrungsknappheit liegt es nahe, den Artgenossen zu fressen - so beobachtet beispielsweise unter Raubfischen wie Hechte oder Flussbarsche. Die vergreifen sich an kleineren Artgenossen in fischarmen Gewässern.
  • Populationsüberhang: Kaulquappen verzehren ihre Artgenossen, wenn im Tümpel zu wenig Platz ist. Gleichzeitig beseitigen sie damit auch Konkurrenten im Paarungswettbewerb.
  • Fortpflanzung: Kaulquappenlarven, die nicht eng miteinander verwandt sind, neigen eher dazu, sich gegenseitig aufzufressen. Amerikanische Wissenschaftler haben bei Laborversuchen festgestellt, dass eine Sippe mit der Auslöschung der anderen sicher stellt, dass sich die eigenen Gene verbreiten. Als Sexkannibalismus bezeichnet Mario Ludwig, wenn Spinnenweibchen nach der Paarung die Männchen auffressen. Dadurch verleiben sich die Weibchen wertvolle Nährstoffe ein, die sie fürs Eierlegen benötigen. Bei manchen Arten bieten sich die Männchen sogar freiwillig zum Fraß an wie die Rotrückenspinne.

Die Forscherin Jane Goodall hat bei einer Auseinandersetzung konkurrierender Schimpansengruppen im Nationalpark Gombe in Tansania ebenfalls eine Form von Kannibalismus beobachtet: Das Weibchen mit dem Namen Passion hatte ein Weibchen aus der anderen Gruppe angegriffen, deren Jungen geraubt und anschließend gefressen. Dieses Verhalten - der Infantizid - wurde später auch bei ihrer Tochter Pom beobachtet. Sie überfielen sogar gemeinsam verfeindete Schimpansenweibchen und fraßen deren Junge.