Zu Hunderten, wenn nicht zu Tausenden, verfolgen australische Buschfliegen hilflose Menschen auf Schritt und Tritt. Und sie dringen dabei auch gezielt in Nase, Ohren und Mund ein. Importierte Mistkäfer sollen das Problem langfristig lösen. Der DRadio-Wissen-Hausbiologe Mario Ludwig erzählt die erstaunliche Geschichte von Blowie, der australischen Buschfliege und europäischen Mistkäfern.

Die Fliege will Eiweiß

Die Erklärung, warum die Buschfliegen gezielt das menschliche Gesicht aufsuchen, ist simpel: Das Weibchen der Buschfliegen benötigt vor der Eiablage reichlich Protein. Und das finden die Fliegen vor allem in den Körperflüssigkeiten von Mensch und Tier. Bevorzugte Orte sind dabei Augen- und Mundwinkel. Panisches um sich schlagen, wie Touristen es gerne machen, hilft meist wenig. Im Gegenteil, es scheint die Fliegen nur noch mehr anzustacheln. Und das Herumwedeln mit der flachen Hand vor dem Gesicht besitzt inzwischen einen eigenen Namen im Sprachgebrauch der Australier: Aussie salute - Australischer Gruß.

Rinder mitgebracht, Mistkäfer vergessen

Der Ursprung der massenhaften Existenz der Buschfliegen liegt bei den ersten Siedlern, die 1788 in Australien an Land gingen. Denn sie brachten die ersten Rinder mit. Und dank riesiger Weideflächen und guter Zuchterfolge wuchs der australische Rinderbestand mit rasender Geschwindigkeit. Aus den ursprünglich zwei Bullen und fünf Kühen wurden bis 1976 über 30 Millionen Tiere. Für Probleme sorgte mit zunehmendem Bestand die Verdauung der importierten Rinder. Denn die 30 Millionen Rinder überziehen täglich rund 30 Quadratkilometer Weideland mit Kuhfladen. Das sind jährlich fast 11.000 Quadratkilometer Scheiße. Eine Fläche, halb so groß wie das Bundesland Hessen.

Ohne europäische Mistkäfer kein Recycling

In der Heimat der Einwanderer sorgt der Mistkäfer dafür, dass aus den Fladen wieder Humus wird. Aber die Einwanderer brachten die europäischen Mistkäfer nicht mit. Und ohne europäische Mistkäfer kein Recycling. Und ohne Recycling sammelt sich dann eben über die Zeit 11.000 Quadratmeter Scheiße an. Zwar gibt es auch australische Mistkäfer, aber die konnten mit den Kuhfladen der eingewanderten Kühe wenig anfangen. Seit Jahrmillionen an die kleinen, trockenen Kotballen der Kängurus und anderer Beuteltiere gewöhnt, ließen sie die matschigen Kuhfladen links liegen.

Beschissen in mehrfacher Hinsicht

Auf diesen nassen Kuhfladen kommen jetzt die Buschfliegen zum Zug. Blowies legen nämlich ihre Eier im Kot von Tieren ab, der dann später den geschlüpften Larven als Kinderstube und Nahrungsquelle dient. Diese weichen Kuhfladen eignen sich dafür viel besser, als die zuvor genutzten harten Känguruköttel. Und es gab viele davon, weil eben kein Mistkäfer die Scheiße abbaut. Die Buschfliegen hatten damit zahlreiche Brutstätten mit optimalen Bedingungen, was zu einer nachhaltigen Vermehrung führte. Bald hatte nahezu der gesamte Kontinent unter einer entsetzlichen Fliegenplage zu leiden. Und weitere Probleme kamen dazu:

Weil Mistkäfer fehlten, die auf Kuhfladen stehen, kam es zu schweren Schäden in der Landwirtschaft. Nicht recycelte Kuhfladen binden nämlich nicht nur wertvolle Nährstoffe, die den ohnehin nicht sonderlich fruchtbaren Böden vorenthalten werden. Sie bedecken oft auch jahrelang den Boden und behindern so den Graswuchs. Die Scheiße sorgte also auch dafür, dass der Viehwirtschaft jedes Jahr riesige Weideflächen verloren gingen.

Mistkäfer-Import bringt die Lösung

Mitte der 1960er- und später in den 1990er-Jahren, sowie 2015 importierte man deshalb vor allem aus Afrika und Südamerika, aber auch aus Europa insgesamt 50 verschiedene Mistkäferarten. Von diesen Arten wusste man, dass sie sich in ihren jeweiligen Heimatländern mehr oder weniger auf den Abbau von Kuhfladen spezialisiert hatten. Und tatsächlich zeigte der Käferimport bereits nach wenigen Jahren erste Wirkung. Insgesamt 20 Mistkäferarten siedelten sich dauerhaft an und sorgten für die Beseitigung der Kuhfladen. Dadurch gerieten die Nährstoffe wieder in den natürlichen Kreislauf, die Weiden wurden wieder freigeräumt und den lästigen Buschfliegen wurden ihre bevorzugten Brutstätten entzogen. Zumindest an manchen Orten.

Es wird allerdings noch sehr lange dauern, bis das Blowie-Problem endgültig gelöst ist.