Wie es dazu kam, dass die Wissenschaft ihre kleinen Nischen und Winkel verlassen und einen weltumfassenden Anspruch entwickelt hat, erzählt der Soziologe Rudolf Stichweh in diesem Vortrag.

"Science is by definition international!". Das hat ein renommierter spanischer Molekularbiologe dem Redner – einigermaßen ungehalten – entgegengeschleudert, als dieser das globale Funktionssystem der Wissenschaft für ein Forschungsprojekt genauer ausleuchten wollte. Ja, klar. Wissenschaft ist international. Aber seit wann? Wieso? Wie organisiert sie sich in weltumfassender Art und Weise? 

"Soweit ich das sehe, gibt es keine Disziplin, die es nur in der Schweiz gäbe oder nur in Paraguay. Wenn es eine Disziplin überhaupt gibt, dann ist sie Weltdisziplin."
Rudolf Stichweh, Soziologe

Der Soziologe Rudolf Stichweh macht vier fundamentale Strukturen oder Institutionen unseres gegenwärtigen Wissenschaftssystems aus:

  • die extreme Indivudualisierung des wissenschaftlichen Arbeitens einerseits
  • Kooperation andererseits
  • persönliche und globale Netzwerke in epistemischen Communities
  • Organisationen (Universitäten, Akademien, Forschungseinrichtungen)
"Wir sprechen von einem Riesensystem. Wenn Sie disciplines und subdisciplines unterscheiden, können Sie auf Zahlen über Zehntausend kommen."
Rudolf Stichweh, Soziologe

Wissenschaftliches Arbeiten ist heute in der Regel extrem individualisiert

Er beschreibt, wie ab dem 18. Jahrhundert die bislang sehr kleine Elite der Forscher sich in jeder Hinsicht ausgedehnt hat. Mehr Menschen studieren, die Wissenschaft wird internationaler, Institutionen werden größer, neue Organisationen kommen dazu, die Öffentlichkeit öffnet sich für wissenschaftliche Erkenntnisse, Fächer und Disziplinen werden vielfältiger und ausdefinierter, es erscheinen Fachjournale. Die schmale Schicht der scientific community bekommt gewissermaßen einen breiteren Unterbau.

"Wissenschaftliche Karriere ist ja das Sichhineinbewegen in das Netzwerk, das Knüpfen von Verbindungen."
Rudolf Stichweh, Soziologe

Heute, sagt der Redner, ist das wissenschaftliche Arbeiten extrem individualisiert. Was gleichzeitig die Bedeutung von Netzwerken steigert. Für alle wissenschaftliche Forschung (egal, ob es um die Erforschung der Physik oder der rätoromanischen Sprachen geht) gilt dabei: "Wissenschaft gibt es nur im Singular." Aber keine Regel ohne Ausnahme: Auf die Medizin und die Religionswissenschaften lässt sich diese Aussage nicht anwenden.

Rudolf Stichweh hat bei dem Soziologen Niklas Luhmann an der Universität Bielefeld studiert, später auch dort gelehrt. Nach zahlreichen Lehraufträgen im In- und Ausland wurde er Professor für die "Theorie der modernen Gesellschaft" an der Universität Bonn. Dort leitet er das "Forum Internationale Wissenschaft". Seinen Vortrag mit dem Titel: "Science is by definition international. Zur Genese eines Weltsystems der Wissenschaft" hat er am 15. November 2018 auf Einladung einer Einrichtung gehalten, die selbst Teil des beschriebenen Riesensystems ist – auf Einladung der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, die 1751 gegründet wurde.