Google möchte für seinen Dienst Street View neue Bilder von deutschen Straßen machen. Diesmal könnte es sein, dass es vorab keine Möglichkeit gibt, sein Haus verpixeln zu lassen.

Auf der Europakarte, die Google im Netz zur Verfügung stellt, sind vier große weiße Flecken zu sehen: Weißrussland, die Republik Moldau, Bosnien und: Deutschland. Alle anderen Staaten sind flächendeckend per Street View erschlossen. Denn als der Dienst 2010 auch für Deutschland online ging, gab es massive Proteste. Auch die Datenschutzvorschriften hatten Google damals gezwungen, in Deutschland anders vorzugehen als in vielen anderen Ländern.

Weil aber die Bilder aus Deutschland völlig veraltet sind (die meisten stammen von 2008), will Google jetzt einen neuen Anlauf starten. Beim zuständigen Hamburger Datenschutzbeauftragten liegt eine Anfrage von Google vor, ob diese neuen Aufnahmen ohne Vorabwiderspruch veröffentlicht werden können, so ein Bericht der "Welt" vom 20. Oktober 2019. Denn bevor Google vor fast genau neun Jahren die ersten deutschen Straßen via Street View veröffentlicht hat, konnten Mieter und Hausbesitzer Widerspruch einlegen. Die entsprechenden Häuser und Grundstücke mussten dann verpixelt werden.

"Die Deutschen haben dieses Recht sehr umfangreich in Anspruch genommen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Gut 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte Google damals extra dafür abgestellt, um die Widerspruchsanträge zu bearbeiten. Denn in Deutschland wurde sehr umfangreich von diesem Recht Gebrauch gemacht. Wer sich heute durch Street View klickt, sieht viele Wohngegenden mit verpixelten Fassaden. Und weil Google so viel Arbeit mit den deutschen Aufnahmen hatte, wurden die bisher auch nicht aktualisiert. Das heißt, das Material ist völlig veraltet.

Inzwischen stehen die Chancen für Google allerdings gut, dass neue Aufnahmen mit weniger Aufwand als bisher veröffentlicht werden können. Deshalb soll nun auch ein neuer Anlauf gestartet werden. Denn die Datenschutzbehörden der EU arbeiten an einer einheitlichen Position zu Panoramaaufnahmen von Unternehmen – und da steht Deutschland mit seiner restriktiven Haltung ziemlich allein auf weiter Flur.

Verpixelung umgehen – Dank DSGVO

Aber selbst, wenn sich die Datenschützer nicht auf eine einheitliche Position einigen können, stehen die Chancen für Google gut, dass Deutschland seine einzigartige Ausnahmerolle verliert. Grund dafür ist ausgerechnet die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Die sorgt zwar auf der einen Seite für sehr verbraucherfreundliche Rechte im Netz, sagt unser Reporter Andreas Noll, aber in dem Fall spiele die Verordnung Google in die Hände.

Denn laut DSGVO sind die Behörden in dem Land für die Regulierung zuständig, in dem das Unternehmen seinen europäischen Sitz hat. Im Fall von Google ist das Dublin in Irland. Damit wäre nicht mehr der Hamburger Datenschutzbeauftragte für die Entscheidung zuständig, sondern eine Kollegin oder ein Kollege in Dublin. Dass dort die deutsche Praxis übernommen wird, ist unwahrscheinlich.

"Das wird, denke ich, deutlich weniger Widerstand geben als noch vor zehn Jahren."
Andreas Noll, Deutschlandfunk Nova Netzreporter

Dass es bei den neuen Aufnahmen zu ähnlich viel Widerstand kommen wird wie noch vor zehn Jahren, glaubt Andreas Noll nicht. Denn die allgemeine Einstellung zu neugieriger Technik hat sich offenbar verändert: Inzwischen nutzen viele Menschen wie selbstverständlich smarte Lautsprecher, die uns permanent belauschen, und Apps, die uns überall tracken.

Auch die Ängste, die viele Menschen hatten, dass Street View zu mehr Einbrüchen führen würde, haben sich, so scheint es, nicht bestätigt: "Sonst hätten andere Länder in den Jahren die deutsche Regulierung übernommen", schätzt Andreas Noll.

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So sehen die Optionen zum Melden von Inhalten auf Street View in der Schweiz (links) und in Deutschland (rechts) aus.

Ganz aufs Verpixeln verzichten müssen wir aber trotzdem nicht. In der Schweiz besteht zum Beispiel die Möglichkeit, Inhalte von Street View nachträglich verpixeln zu lassen. Beim Klick auf das Kontextmenü kann dann ausgewählt werden, was genau verpixelt werden soll: "Mein Zuhause", "Ein Gesicht" oder "Gewalt" stehen da unter anderem zur Auswahl. Und diese Wünsche werden von Google in der Regel dann auch schnell umgesetzt. Auch in Deutschland könnte das eine mögliche Lösung sein.