Ja, es gibt den Herbstblues wirklich. Die Psychologin Katja Mierke sagt, woher er kommt und wann aus depressiver Herbststimmung ein medizinisches Problem wird. Gegenmittel kennt sie auch.

Wenig Licht, fallende Blätter und sinkende Temperaturen: Der Herbst ist da und oft geht jetzt die Stimmung in den Keller. Katja Mierke ist Diplom-Psychologin. Sie sagt, dass der Herbstblues aus fachlicher Sicht gut dokumentiert ist: Herbst- und Winterdepression sind in der Psychologie ein anerkanntes Störungsbild. Die Diagnose hinter dem Herbstblues ist Seasonal Affective Disorder, kurz SAD.

Diese Störung hat viele Eigenschaften von einer klassischen Depression: Die Leute fühlen sich antriebsschwach, lustlos, können sich nicht aufraffen, kommen nicht vor die Tür, haben häufig auch schwere Selbstzweifel. Eine Besonderheit des Herbstblues und der Winterdepression ist, sagt Katja Mierke, dass wir zusätzlich ein vermehrtes Schlafbedürfnis und einen verstärkten Appetit haben, wohingegen Depressive häufig Schlafstörungen, Schlafschwierigkeiten und einen verminderten Appetit haben.

Umstellung des Hormonhaushalts

Für die Psychologin sind das Hinweise darauf, dass der Herbstblues möglicherweise einmal eine natürliche Funktion hatte. Eine wesentliche Ursache ist das verminderte Licht. Der Tag-Nacht-Rhythmus orientiert sich auch am Tageslicht und je mehr dunkle Stunden der Tag hat, desto mehr Melatonin wird produziert. Das ist das Hormon, das für die Schlafsteuerung zuständig ist und bei hoher Melatoninausschüttung werden wir müde. Das ist auch ein Grund, warum bei der Winterdepression Lichttherapie sehr gute Erfolge erzielt.

Wenn es oft dunkel ist, produziert unser Körper auch weniger Serotonin. Melatonin und Serotonin sind miteinander verzahnt. Serotonin ist als Glückshormon bekannt und viele Antidepressiva basieren darauf, dass der Serotoninspiegel im Körper auf einem höheren Niveau aufrechterhalten wird.

Lampenlicht hilft

Die Psychologin nennt folgende Gegenmittel: Man kann sich Lampen kaufen, die sehr wirksam sind. Diese Lichttherapie-Lampen wirken übers Auge – eine Lichtstärke von 7000 Lux ist ausreichend. Als besonders wirksames Gegenmittel nennt Katja Mierke Bewegung im Licht. Man könne sich alternativ vornehmen, in den hellen Stunden des Tages spazieren zu gehen. Wichtig sei, das Licht irgendwie zu absorbieren. Die Haut müsse dem Licht ausgesetzt sein.

"Bewegung wird auf jeden Fall empfohlen. Regelmäßige Bewegung kurbelt den Stoffwechsel an und fördert auch die Serotoninausschüttung und normalisiert auch in anderer Hinsicht den Neurotransmitterhaushalt."
Katja Mierke, Diplom-Psychologin

Die Psychologin sagt, dass es aus der sozialpsychologischen Forschung Hinweise darauf gibt, dass die Temperatur Einfluss auf unser Empfinden nimmt. Demnach fühlen wir uns subjektiv, wenn uns warm ist, anderen Menschen näher und verbundener. Das ist wichtig, weil Depression durch Gefühle wie Verlorenheit, Einsamkeit und Verlassenheit charakterisiert ist – einhergehend mit starken Selbstzweifeln.

Ansteckende Stimmungen

Wenn die Symptome länger als zwei Wochen andauern, sollte man sich Unterstützung suchen, sagt Katja Mierke, also zum Arzt gehen. Dann würde man nicht mehr von einem Stimmungstief sprechen. Anders sei es bei guten und schlechten Tagen über das Jahr hinweg. Diese würde man als Stimmungstief bezeichnen. Wer hingegen grundsätzlich oft guter Dinge ist, sollte durchaus den Kontakt zu anderen suchen, denn Freude als Stimmung ist nachweislich übertragbar. Stimmungsansteckung als Phänomen ist gut untersucht und sehr gut bestätigt, sagt Karja Mierke.

"Vor allem positive Stimmungen scheinen anzustecken und was auch ansteckend ist, ist Ärger. Traurigkeit scheint weniger ansteckend zu sein."
Katja Mierke, Diplom-Psychologin