Spätestens seit Mesut Özils drei spektakulären Tweets vom Sonntag (22.07.2018) ist in Deutschland eine Integrationsdebatte entbrannt. Wir haben schon am Freitag Türkeistämmige gefragt, wie sie zur Debatte stehen und welche Rolle ihre türkischen Wurzeln im deutschen Alltag spielen. Elmas Topcu hat sich in der Kölner Keupstraße und auf der Uni-Wiese umgehört.

Berk aus Köln

"Mein Name ist Berk, ich bin 25 Jahre alt, studiere an der Universität zu Köln. Ich habe die Debatte um Özil und Gündoğan mitverfolgt und finde, dass das Foto von Gündoğan und Özil eigentlich eine Art von Propaganda für die rechte Szene ist in diesem Moment. Man merkt einfach, dass in letzter Zeit in ganz Europa eine Rechtsradikalisierung stattfindet. Man muss auf jeden Fall vorsichtiger handeln, was das angeht. Ich finde, dass man als Nationalspieler, der die deutsche Nationalmannschaft vertritt, nicht unbedingt Kontakte mit jemandem haben sollte, der mit dem Land nichts zu tun hat."

"Nach 60 Jahren Migration muss das ja irgendwann aufhören."
Ahmet, arbeit bei einem Juwelier in Köln

Ahmet aus Dortmund

"Mein Name ist Ahmet, ich komme aus Dortmund, arbeite auf der Keupstraße beim Juwelier im Bereich Verkauf. Es ist eine private Sache, und es geht ja keinen was an, was Özil oder Gündoğan in seiner Privatsphäre macht. Jeder hat seine eigene Meinung, jeder darf seine eigene Meinung haben, das darf auch keiner verurteilen. Ich komme aus derselben Region der Türkei wie Özil. Das trifft mich natürlich schon, ich finde das respektlos, ganz ehrlich, dass man so einen Menschen so kritisiert. Wie soll ein Mensch noch zeigen, dass er Deutsch ist. Er spielt in der Nationalmannschaft. Der Junge ist hundertprozentig Türke, hundertprozentig Deutscher, das kann man nicht anders erklären. Nach 60 Jahren Migration muss das ja irgendwann aufhören. Wenn man so was sieht, dann weiß man ganz genau, das wird nicht aufhören. Wir werden immer Migranten bleiben. Es ist enttäuschend."

"Es stellt sich bei jedem Nationalspieler die Frage, ob er deutsch genug ist."
Esra, studiert Politikwissenschaft

Esra aus Gelsenkirchen

"Esra ist mein Name, ich bin 22 Jahre alt, komme aus Gelsenkirchen, und studiere zurzeit Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Ich habe die Diskussion auch sehr stark mitverfolgt, weil ich es sehr interessant fand, zu sehen, wie die Diskussion – ich glaube jetzt schon seit über zwei Monaten – immer wieder durch verschiedene Akteure hochgepuscht wird. Und ja, es stellt sich bei jedem Nationalspieler die Frage, ob er deutsch genug ist. Ich habe ein Alltagsbeispiel, um die Situation besser zu verdeutlichen: Ich glaube, das war vor drei, vier Wochen, da war ich mit der U-Bahn unterwegs. Und dort waren ein paar Jugendliche, denen der Migrationshintergrund deutlich anzusehen war. Die haben ganz laut Musik gehört. Danach die Aussage einer Dame: 'Ja, immer wieder die Schwarzköpfe.' Das ist etwas, was mir im Alltag sehr oft begegnet." 

"Die Debatte hat uns direkt zur Zielscheibe gemacht. Jeden Einzelnen, hier Lebenden, der nur so aussieht, als würde er aus der Türkei kommen."
Can, Bürokaufmann, studiert Jura

Can aus Köln

"Ich bin 26 Jahre alt, heiße Can. Ich habe eine Ausbildung hinter mir zum Bürokaufmann und studiere im Moment Jura. Die Debatte hat uns direkt zur Zielscheibe gemacht. Jeden Einzelnen, hier Lebenden, der nur so aussieht, als würde er aus der Türkei kommen. Fremde Menschen sprechen einen auf der Straße, im Bus an: „Ja, was hältst du denn davon?“ Dass die jetzt ein Foto mit Erdoğan gemacht haben, ist deren Sache, aber eine gewisse Doppelmoral schwingt da schon mit. Unsere Regierung hat Waffendeals mit der Türkei, beliefert die Türkei mit Panzern, Çavuşoğlu kommt nach Berlin, wird von Sigmar Gabriel empfangen, aber wenn Özil und Gündoğan ein Foto mit Erdoğan machen, wird gesagt, sie passen nicht zu den deutschen Werten. Was sind denn die deutschen Werte? Ich hatte mal eine Kundin, die gesagt hat: 'Sie können aber gut Deutsch.' Da habe ich gesagt: 'Sie können auch gut Deutsch.' Da hat sie gesagt: 'Ja, ich bin ja Deutsche.' Da habe ich gesagt: 'Ich bin auch Deutscher.' Sie: 'Ja, aber ich bin hier geboren.' Da habe ich gesagt: 'Ich bin auch hier geboren – in Köln.' Es könnte einen verbittern, dass man aufgibt und sagt: 'Hey, ich habe keinen Bock mehr auf das Ganze.' Man könnte sagen: 'Ich breche hier ab und gehe zurück in die Türkei.' Im Endeffekt ist es negativ für die Psyche, ja."

"Ich musste immer mehr machen, man will in den Augen der Mehrheitsgesellschaft immer den 'Super-Kanaken' bilden."
Eren, studiert an der philosophischen und humanwissenschaftlichen Fakultät in Köln

Eren aus Duisburg

"Mein Name ist Eren, ich bin 25 Jahre alt, studiere an der philosophischen und humanwissenschaftlichen Fakultät in Köln, komme aus Duisburg. Es ist eine Diskussion, der ich immer im Alltag begegne. Wenn ich durch die Straßen in Köln laufe, werde ich muslimisch gelesen, werde türkisch gelesen, ohne, dass man mich fragt: 'Was bist du?' Ich fühle mich deutsch, ich identifiziere mich mit den deutschen Werten, ich identifiziere mich vor allem mit der deutschen Geschichte. Wenn ich rückblickend von meiner Studierendenzeit auf meine Schulzeit zurückschaue, dann sehe ich auf jeden Fall eine institutionalisierte Diskriminierung. Ich musste auf jeden Fall immer mehr machen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich nur eine Hauptschulempfehlung bekommen habe und nicht fürs Gymnasium empfohlen wurde, und jetzt trotzdem Gymnasiallehramt studiere, zum Unglück meiner Grundschullehrerin. Ich musste immer mehr machen, man will in den Augen der Mehrheitsgesellschaft immer den 'Super-Kanaken' bilden. Man will der sein, der am besten integriert ist. Dann sagt man, wenn man unter deutschen Freunden ist: 'Lass uns jetzt nicht in die Schischa-Bar gehen, oder sonst was. Lass uns in die Kneipe gehen, lass uns Bier trinken, ist besser, vielleicht.' Dann denkt man sich: 'O.k., jetzt passe ich gerade besser ins Bild.'