Burn-out ist keine anerkannte Krankheit, dennoch belastet sie das Gesundheitssystem mit ungeheuren Kosten. Die Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen sind in den vergangenen 15 Jahren weltweit um 180 Prozent angestiegen.

Der Grund liegt darin, dass die Betroffenen ihre Symptome zunächst nicht wahrhaben wollen. Und die Folge davon wiederum ist, dass sie immer weiter in einen Strudel hineingeraten, aus dem sie sich nicht mehr mit eigener Hilfe befreien können. Die Betroffenen auf der kommunikativen Ebene zu erreichen, fällt meist sehr schwer. Schnell sind sie eingeschnappt, halten das, was Angehörige oder Freunde zu ihnen sagen, für die falsche Wortwahl, wechseln das Thema, gehen weg oder - wie es der Burn-out-Experte Wolfgang Lalouschek formuliert:

"Weil da spricht man jemanden an, wo man sich Sorgen macht und kriegt vielleicht eine Antwort wie: 'Du hast keine eigenen Sorgen, uns geht es doch allen so'."

Die Verleugnung des eigenen Zustandes beginne bereits in einem Stadium mit hohem Engagement und Erfolg im Beruf. Zu diesem Zeitpunkt würden die Betroffenen nicht wahrhaben wollen, dass ihnen gewisse Dinge nicht mehr gut täten. Sie bekämen da noch viel Lob und Anerkennung, seien förmlich positiv gedopt.

Körperliche Erkrankung ist Konsequenz aus Burnout

All das sei zwar noch kein Burn-out im wörtlichen Sinne, aber bereits der Weg dorthin. Hier könnten sie zwar noch persönlich die Bremse ziehen, was aber ganz oft auch nicht mehr gelänge. Danach trete das pathologische Stadium ein. Mit einem Rückzug aus der Gesellschaft und einer immer größer werdenden Verhaltensänderung folge schließlich der Zusammenbruch. Echte körperliche Erkrankungen seien dann die typischen Konsequenzen.

Laut Wolfgang Lalouschek könnten sich Freunde, Angehörige und auch jeder selbst während dieses schleichenden Prozesses fragen: War die oder der Betreffende vor fünf oder sechs Jahren auch schon so?

Normal oder Wahnsinn?

Im Hörsaal wirft Wolfgang Lalouschek gebetsmühlenartig seine eigene Frage auf: Normal oder Wahnsinn? Wer ihm längere Zeit zuhört, mag zu dem Schluss kommen, wir lebten bereits in einer wahnsinnig gewordenen Welt. Vielleicht seien die Erkrankten ja in Wirklichkeit die Gesunden, die unseren tagtäglichen Irrsinn nicht mehr mitmachen wollten und auch nicht mehr könnten.

Der Hörsaal berichtet über das Medicinicum im österreichischen Lech am Arlberg, das vom 7. bis 10. Juli 2016 abgehalten worden ist.

Neurologen Wolfgang Lalouschek über Depression, Burnout, Angstzustände

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