Wer weiß, dass er überwacht wird, verhält sich anders, als er das normalerweise tun würde. Dieser so genannte Chilling-Effekt wurde nun erstmals in einer Studie nachgewiesen.

Ein internationales Forscherteam hat für diese Studie Klickzahlen von insgesamt 48 Wikipedia-Artikeln ausgewertet. Dabei wurden die Zugriffszahlen vor und nach den Enthüllungen von Edward Snowden miteinander verglichen. Inhaltlich ging es dabei um sogenannte brisante Artikel aus dem großen Bereich des Terrorismus, zum Beispiel Artikel über "Urananreicherung" oder "schmutzige Bombe". Begriffe, nach denen auch das US-Heimatschutzministerium zu Zwecken der Terrorabwehr soziale Netzwerke scannt.

Zugriffszahlen vor und nach Snowden-Veröffentlichungen

Die Wissenschaftler haben dabei herausgefunden: Die Klickzahlen dieser Terror-Artikel sind seit der Überwachungsdebatte stark eingebrochen. Vor den Snowden-Enthüllungen im Sommer 2013 wurden die ausgewählten Artikel etwa drei Millionen Mal im Monat geklickt. Unmittelbar nach der Snowden-Veröffentlichung reduzierten sich die Seitenaufrufe um circa eine Million Zugriffe. Ein weiteres Jahr später stiegen die Zugriffe zwar an, allerdings wurde der ursprüngliche Traffic nicht mehr annähernd erreicht.

Chilling-Effekt damit bewiesen

Nach Meinung der Forscher liefern die Ergebnisse damit den Beweis für den bisher nur in der Theorie diskutierten Chilling-Effekt. Dieser besagt, dass Menschen, die sich überwacht fühlen, ihr Verhalten ändern. Und das zeigt sich in der Selbstzensur, wie zum Beispiel in der Einschränkung von Suchanfragen oder durch angepasstere Verhaltensweisen. Die Verhaltensänderung dient dem Ziel, mögliche Konflikte zu vermeiden.

"Egal, was wir gerade in unserem Alltag machen - bloß nicht auffallen."
Matthis Dierkes, DRadio Wissen

Der Chilling-Effekt und seine psychologischen Folgen werden in der Forschung seit längerem intensiv diskutiert. Die nun veröffentlichten Ergebnisse zur Auswertung der Wikipedia-Artikel sind ein erster Hinweis darauf, dass es den Chilling-Effekt tatsächlich gibt. Ob und welche gesellschaftlichen Veränderungen langfristig dadurch zu erwarten sind, muss erst erforscht werden.