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Es war eine harte Zeit für Eltern und Großeltern während der Pandemie – über Monate konnten sie ihre Kinder und Enkel nicht sehen – aus Angst vor Ansteckung. Oft war die einzige Möglichkeit, um in Kontakt zu bleiben, digitale Dienste wie Skype oder Zoom zu nutzen. Jetzt haben sich Wissenschaftler angesehen, welche Folgen diese Beziehungen auf Distanz hatten.

Komplette Funkstille ist bisweilen besser als Dauer-Zoomen, zu diesem Ergebnis kommen die beiden Soziologen Yang Hu und Yue Qian der Uni Lancaster in Großbritannien und Vancouver in Kanada. In einer repräsentativen Untersuchung fanden sie heraus, dass ältere Menschen mit digitaler Kommunikation oft überfordert sind.

Dass persönlicher Kontakt besser ist als virtueller, leuchtet sofort ein. Aber: gar kein Kontakt besser als virtueller Kontakt, das hört sich zunächst seltsam an. Eine Erklärung: Für die Großeltern-Generation kann der Umgang mit der Technologie extrem stressig sein, sagen die beiden Soziologen. Und Stress schlägt sich auf das Wohlbefinden nieder – das gilt für alle Altersgruppen, aber besonders für alle, die über 60 Jahre alt sind.

"Für die Großeltern-Generation kann der Umgang mit Technologien wie Zoom, WhatsApp et cetera extrem stressig sein."
Andreas Noll, Netzautor

Das Wohlbefinden der Teilnehmenden wurde jeweils vor und nach dem Kontakt mit digitalen Diensten gemessen. Gefragt wurde etwa, ob die jeweilige Person sich in den Tagen zuvor fröhlich oder traurig gefühlt hat, ob sie einsam war oder das Leben genossen hat und auch, ob sie Schlafprobleme gehabt hat.

Ein weiteres überraschendes Ergebnis der Studie: Selbst Menschen, die mit Zoom oder WhatsApp-Videocall auch im hohen Alter keine Probleme haben, schadet der virtuelle Kontakt offenbar mehr als Isolation und Einsamkeit – wenn sie sehr häufig virtuell Kontakt gehalten haben.

Auch das bringen die Forschenden mit Stress in Verbindung. Womöglich spielt beim virtuellen Kontakt eine Rolle, dass Nutzerinnen und Nutzern so erst richtig bewusst wird, was eben nicht möglich ist: der direkte persönliche Kontakt – mit Umarmung und allem, was dazugehört. Nach der virtuellen Begegnung fühlten sich viele Menschen isolierter, unglücklicher und wohl auch depressiv verstimmter als vorher.

"Womöglich spielt beim virtuellen Kontakt auch eine Rolle, dass einem durch den Kontakt erst bewusst wird, was in der digitalen Kommunikation nicht möglich ist: der direkte Kontakt mit einer Umarmung et cetera."
Andreas Noll, Netzautor

Stress auch für die jüngere Generation

Am besten durch die Pandemie gekommen sind laut der Untersuchung Menschen, die beides gehabt haben: regelmäßige persönliche Kontakte und virtuelle Begegnungen. Zumindest gilt das für die gut 6500 Teilnehmenden der Studie aus den USA und Großbritannien. Wobei es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass das Ergebnis in Deutschland anders ausfallen würde, sagt unser Netzreporter Andreas Noll. Schließlich handele es sich um repräsentative Erhebungen in den jeweiligen Bevölkerungen.

Die beiden Soziologen sprechen sich für weitergehende Forschungen aus, um die Mechanismen noch besser zu verstehen. Und Yang Hu, einer der beiden Studienautoren von der Lancaster-University, hat auch konkrete Forderungen an die Politik: In einer vergleichbaren Situation solle die Politik mehr Energie investieren, um sichere persönliche Treffen zu ermöglichen, sagte er dem Guardian. Außerdem müsse die ältere Generation besser im Umgang mit der digitalen Kommunikation geschult werden.

"Die ältere Generation müsse besser im Umgang mit digitalen Kommunikationskanälen geschult werden. Das fordern die Soziologen von der Politik.“
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzautor Andreas Noll

Aber auch für die jüngere Generation bleibt einiges zu tun, sagt unser Netzautor Andreas Noll. Denn es sei ja nicht ausschließlich Aufgabe des Staates, die Ü60-Generation fit im Umgang mit digitalen Werkzeugen zu machen. Da könne jede und jeder in der eigenen Familie anfangen.

Und die Studie ist vielleicht eine gute Erinnerung, dass digitale Kommunikation auch für die junge Generation Stress bedeuten kann. Es gibt Studien dazu, dass Facebook und Co. psychisch belastend sein können. Etwa wenn wir beim Blick auf perfekte Urlaubsfotos das Gefühl haben, im Vergleich mit Freund*innen ein langweiliges Leben zu führen. Das Fazit unseres Netzautoren Andreas Noll: Die digitale Kommunikation ist für keine Generation zum Nulltarif zu haben.