Den Koffer in der Bahn stehen lassen, den Schlüsselbund zu Hause vergessen, Portemonnaie an der Supermarktkasse liegen lassen ... und wie hieß der neue Kollege gleich noch? Ein bisschen Vergesslichkeit ist normal und auch wichtig für unser Gehirn, sagen Neurowissenschaftler. Damit es aber nicht überhand nimmt, können wir einige Tipps befolgen.

Viele Dinge, Personen oder Gedanken vergessen wir tatsächlich, während wir von A nach B gehen - und wenn es nur der kurze Weg vom Wohnzimmer in die Küche ist. Sobald wir den Ort wechseln, besteht immer die Gefahr, dass wir mit unseren Erinnerungen nicht hinterher kommen, sagt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Psychologen nennen das den "Türrahmen-Effekt", erklärt unser Reporter Johannes Döbbelt.

Erinnerung ist an Orte gebunden

Dieser Effekt wurde auch in Studien nachgewiesen: Selbst, wenn die Probanden sich bloß vorstellen sollten, dass sie durch eine Tür gehen, konnten sie sich schon schlechter erinnern. Laut Henning Beck liegt das tatsächlich daran, dass das Gehirn die Erinnerung - an einen Gegenstand beispielsweise - mit der Umgebung verknüpft.  

"Erinnerung ist immer das, was in einem Moment erzeugt wird. Wir speichern es nicht irgendwo ab, wie auf einer Festplatte, sondern der Moment ist entscheidend. Und wenn sich der Moment ändert, ist die Erinnerung auch schon wieder weg.“
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Vieles von dem, was wir tun, läuft außerdem unbewusst ab. Wir verlassen uns auf unsere Routine, hat die Neurowissenschaftlerin Franca Pariane unserem Reporter Johannes Döbbelt erklärt: "Wir haben immer so die Idee, dass wir alles ganz bewusst erleben, machen aber sehr viele Dinge auf Autopilot." 

Gehirn schaltet auf Autopilot

Beispiel gewohnte Strecken: Nehmen wir mal an, wir wollen an unserem freien Tag in den Park. Wir setzen uns aufs Fahrrad und radeln los. Statt aber Richtung Park zu fahren, schlagen wir versehentlich den Weg zur Arbeit ein. Ganz unterbewusst sind wir der Gewohnheit gefolgt. Und solches unbewusste Handeln führt eben manchmal auch dazu, dass wir uns nicht merken, wo wir den Schlüssel oder das Handy hingelegt haben. 

Vergessen ist auch gut fürs Gehirn

So ganz verhindern können wir das Vergessen nicht. Aber: Vergessen ist auch völlig in Ordnung, normal und sogar hilfreich sagt die Neurowissenschaftlerin: "Viel wichtiger, als dass man sich an alles erinnert, ist, dass man einige Sachen vergisst." 

"Für das Gehirn ist es viel wichtiger, dass es im Hier und Jetzt gute Entscheidungen treffen kann. Und deswegen lässt es manchmal Dinge unter den geistigen Tisch fallen."
Franca Parianen, Neurowissenschaftlerin

Denn unser Gehirn muss vergessen, damit es richtig funktioniert. Motto: Unwichtiges raus, Wichtiges rein. So können wir uns auf das konzentrieren, was gerade für uns entscheidend ist - auch, wenn dabei manchmal etwas schief oder verloren geht.

Tipps gegen die Vergesslichkeit

Ihr seid der Vergesslichkeit aber nicht hilflos ausgeliefert. Denn es gibt Strategien, mit denen ihr euch Dinge besser merken könnt:

  1. Autopilot bewusst ausschalten: Denkt zum Beispiel vor dem Weggehen ganz aktiv drüber nach, ob ihr etwa den Herd ausgeschaltet habt. "Das, wo wir wirklich aufmerksam sind, bekommen wir ja mit. Das merken wir uns zumindest für den kurzen Moment“, sagt Franca Parianen.
  2. Sport, Bewegung und wenig Stress tragen dazu bei, das Gedächtnis langfristig zu verbessern, zeigt die Forschung.
  3. Und: Abschlussrituale können helfen. Denn Rituale und Routinen fördern nicht nur manchmal das Vergessen, sondern können auch dagegen eingesetzt werden. Eben weil sie besonders nachhaltig im Gehirn abgespeichert werden. 

Unser Reporter Johannes Döbbelt hat sich ein solches Abschlussritual fürs Zugfahren angewöhnt, nachdem er im Zug mal sämtliche Weihnachtsgeschenke vergessen hat: Kurz bevor er aussteigt, dreht er sich immer noch mal um und guckt auf den Sitz, ob er leer ist oder ob da vielleicht doch noch was liegt. Mit Erfolg: Seitdem hat er nichts mehr in der Bahn liegen lassen.

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