Fürs Publikum oft undurchschaubar: Mal verhaltenes, mal wildes Gefuchtel mit einem Taktstock - was ein Dirigent kann und was nicht, was er tun und lassen sollte, erklärt der Dirigent Ingo Martin Stadtmüller.

Seine genaue Jobbezeichnung ist Kapellmeister. Ingo Martin Stadtmüller ist 36 Jahre alt und arbeitet in seiner 10. Spielzeit als Dirigent. Seit drei Jahren ist er am Opernhaus Dortmund angestellt. Zu den Opern und Operetten, die er gerade dirigiert, zählen Klassiker wie La Traviata, Der Nussknacker und Hairspray. 

"Das Geräusch, das man hört, wenn jemand mit dem Taktstock auf das Notenpult klopft, verbinden ganz viele Leute mit dem Beruf des Dirigenten. Man macht das aber gar nicht, weil es so etwas Oberlehrerhaftes hat - das mögen Orchester gar nicht."
Ingo Martin Stadtmüller, Dirigent

Je nach Oper oder Konzert muss Ingo als Dirigent andere Dinge leisten. Manchmal muss er das Orchester stärker führen und anleiten, manchmal weniger. Wenn er weniger dirigieren muss, gibt ihm das die Möglichkeit, "ganz andere Sachen rauszuholen" - Ingo nennt das "an den Farben arbeiten". 

Brände löschen, bevor sie anfangen

Manchmal sieht er sich auch als Feuerwehrmann, der Brände löschen muss, bevor sie anfangen: Er erklärt das mit der Breite des Orchestergrabens. Die Musiker, die Links- und Rechtsaußen sitzen, können sich gegenseitig gar nicht hören. Da liegt es dann an Ingo, zu hören, ob sie beispielsweise synchron spielen und im besten Fall zu vermitteln. 

Der Dirigent muss aber genauso darauf achten, dass die Balance zwischen dem Gesang auf der Bühne und dem Orchestergraben auch stimmt. Wenn beispielsweise ein Sänger zu früh einsetzt, zeigt ihm Ingo die flache Hand. Das ist das Signal dafür, dass der Sänger nach dieser Phrase innehält und erst dann wieder einsetzt, wenn er von Ingo das Zeichen bekommt.

Dirigenten sind Multitasker

Als Dirigent muss Ingo hören, was die einzelnen Instrumente des Orchesters spielen, an welcher Stelle in der Partitur er sich gerade befindet, wissen, was wer wann tun soll und die Einsätze der Sänger im Auge behalten. Ein Job also für jemanden, der Multitasking beherrscht, fasst es Deutschlandfunk-Nova-Moderator Sebastian Sonntag zusammen. 

Intensive Vorbereitung hilft

Dirigent Ingo sagt, dass das Multitasking funktionieren kann, wenn er so gut vorbereitet ist, dass er Stück und die Partitur sehr gut kennt. Dann kann er auch mal aus den Noten aufschauen und seine Aufmerksamkeit dorthin richten, wo sie gerade benötigt wird. Auch das Schlagen des Taktstockes ist oft so automatisiert, dass er sich nicht mehr so sehr darauf konzentrieren muss.

Zuerst bereitet sich Ingo als Kapellmeister zuhause auf ein neues Stück vor. Er liest die Partitur, spielt sich vielleicht selbst ein Stück davon vor oder hört eine Aufnahme, um einen Gesamteindruck zu bekommen. 

Erst wird szenisch geprobt

Bevor das Orchester eine Oper gemeinsam einstudiert, wird erst einmal vier bis sechs Wochen szenisch geprobt. Der Regisseur und die Sänger erarbeiten die Handlung, die auf der Bühne stattfindet. Den Orchesterpart übernimmt ein Klavier. Bei diesen Proben ist der Dirigent auch meist schon dabei und er dirigiert auch schon. Hier kann er dann sehen, wann beispielsweise die Sänger seine Unterstützung brauchen. 

Das Orchester probt erst für sich, dann mit den Sänger und dann vor der Aufführung zehn Tage bis zwei Wochen lang mit dem Dirigenten zusammen. 

Über einen Umweg zum Dirigieren gekommen

Über das Klavierspielen ist Ingo zum Orgelspielen gekommen. Mit 17 Jahren hat er dann seinen ersten Chor geleitet. Dann hat er Kirchenmusik an der Musikhochschule in Frankfurt studiert, aber schnell gemerkt, dass ihm dass Orgelspielen und die Kirchenmusik nicht so liegt. Er hat dann ins Fach "Künstlerische Ausbildung - Orchester dirigieren" gewechselt.

Nach dem Studium hat er dann mit 27 Jahren als Repetitor gearbeitet. Das ist der Pianist der die szenischen Proben einer Oper begleitet, bevor das ganze Orchester hinzukommt. Danach hat er einzelne Aufführungen "nachdirgieren" dürfen. Das bedeutet, dass er einzelne Vorführungen eines anderen Dirigenten übernehmen durfte. 

Zu seinen bisherigen Stationen zählen Theater- und Opernhäuser in Bielefeld, Halle an der Saale und jetzt Dortmund. In der nächste Spielzeit wird er nach Flensburg wechseln. Dort wird er dann als "Erster Kapellmeister" und "Stellvertretender Generalmusikdirektor" arbeiten. 

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