Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amazon Prime werben gerne mit einem höheren Angebot an diversen Serien im Vergleich zum klassischen Fernsehen. Eine Studie aus Rostock stellt allerdings fest: Das stimmt so nicht.

Wenn ihr euch Serien wie"Orange ist the New Black", "The Queen's Gambit" oder "Discovery" anschaut, dann könntet ihr den Eindruck bekommen: Im Vergleich zum klassischen Fernsehen gibt es bei den Streaming-Plattformen mehr diverse Produktionen zu sehen. Das allerdings ist eine verfälschte Wahrnehmung, sagt Elizabeth Prommer vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock. Sie und ihr Team haben Streaming-Dienste auf die Diversität in eigenproduzierten Serien untersucht.

"Wir sehen, dass auch in den Eigenproduktionen Frauen seltener vorkommen als Männer, Frauen hauptsächlich jung sind und, dass eben auch die anderen Diversitätskriterien nur sehr eingeschränkt zutreffen."
Elizabeth Prommer, Institut für Medienforschung der Universität Rostock

Oft seien es eben genau die besonders diversen Serien, mit denen die Dienste sehr groß Werbung machten. So entstehe bei uns der Eindruck, dass Streaming-Dienste in ihrer Gesamtheit diverser sind als das lineare Fernsehen. Das ist aber nicht der Fall. Beispiel: Frauen kommen der Studie zufolge deutlich seltener vor als Männer. Und wenn, dann sind es meistens junge Frauen. Und auch viele andere Diversitätskriterien tauchen in den Originals der Streaming-Dienste nur selten auf.

Diversität in Serien muss man suchen

In der Studie sei vor allem aufgefallen, dass das Angebot bezüglich People of Colour nicht so divers ist, wie es die Streaminganbieter versprechen. Um Diversität in den eigenen Serienabend zu bekommen, müsse man schon bewusst nach beispielsweise afrikanischen oder asiatischen Serien suchen, sagt Elisabeth Prommer. Das werde aber laut der Zahlen in den Studien kaum gemacht, da sich Userinnen und User bei der Suche oft an den beworbenen Inhalten orientierten.

Insbesondere im europäischen und us-amerikanischen Raum sei in Serien hauptsächlich die weiße Mehrheit zu sehen. Latinas und Latinos oder schwarze Menschen seien beispielsweise in den us-amerikanischen Serien deutlich unterrepräsentiert im Vergleich zu den echten Verhältnissen in der Bevölkerung. Auch in Deutschland werde die Vielfalt der Bevölkerung nicht in deutschen Serien widergespiegelt.

Sexuelle Orientierung am vielfältigsten vertreten

Die sexuelle Orientierung sei das einzige Beispiel, bei dem die Streaming-Angebote in der Tat diverser seien als Inhalte aus dem linearen Fernsehen. Schwule und lesbische Beziehungen kämen hier genauso häufig vor wie im echten Leben, sagt Elizabeth Prommer. Interessant sei aber gewesen, dass schwule Männer im Vergleich zu lesbischen Frauen häufiger zu sehen seien.

Auf den Blickwinkel kommt es an

Aber was ist mit historischen Serien? Geht es beispielsweise um die Geschichte der Reformation, dann waren die meisten Akteure wie Martin Luther weiß und männlich. Wäre Diversität dann eine Verfälschung der Ereignisse? Elizabeth Prommer sagt: Es kommt nur auf den Blickwinkel an. Man könnte die Geschichte zum Beispiel auch aus der Sicht von Luthers Frau Katharina von Bora erzählen. Oder in Geschichten aus einem Königshaus könnte man die Perspektive des Küchenmädchens einnehmen.

"Die Frage ist, aus welcher Perspektive erzähle ich bestimmte Geschichten."
Elizabeth Prommer, Institut für Medienforschung der Universität Rostock

In Amazon Prime machten historische Serien aber nur einen verschwindend geringen Anteil aller Serien aus. Es sei deshalb viel spannender auf Genres wie Crime oder Fantasy zu schauen – denn hier sei alles möglich, vor allem Diversität. Aber eben auch nur, wenn es von den Macherinnen und Machern so gewollt sei.

Männliche Macher erzählen seltener divers

Deshalb haben sich Elizabeth Prommer und ihre Kolleginnen und Kollegen auch den Einfluss der Zusammensetzung im Produktionsteam auf eine diverse Produktion angesehen. Eine Feststellung: Die wichtigsten Posten wie Regie, Drehbuch oder Produktion seien meistens mit Männern besetzt. Dabei gebe es genug Frauen, die Regie, Drehbuch oder Produktion studiert hätten.

Auch aus anderen Ländern wisse man, dass die Zusammensetzung der Produktionsteams nicht die diverse Zusammensetzung der Bevölkerung in dem jeweiligen Land widerspiegele.

"Die meisten Macher sind männlich. Also Regie, Drehbuch, Produktion liegt in Männerhand. Wir wissen aber: Weltweit gibt es genauso viele Frauen, die Regie, Drehbuch und auch Produktion studieren."
Elizabeth Prommer, Institut für Medienforschung der Universität Rostock

Dabei können vor allem diverse Teams stark dazu beitragen, dass auch die Serienlandschaft diverser wird. Denn die Studie zeigt auch auf: Wir erzählen immer die Geschichten, die wir selbst spannend finden. Männer erzählen deshalb oft das, von dem sie denken, dass es andere Männer interessiert. Beispielsweise gibt es deutlich weniger weibliche Hauptfiguren, wenn das Drehbuch aus einer männlichen statt einer weiblichen Feder stammt.

"Wenn ein Mann das Drehbuch geschrieben hat, sehe ich nur ein Drittel an weiblichen Hauptfiguren im Vergleich zu wenn eine Frau das Drehbuch geschrieben hat."
Elizabeth Prommer, Institut für Medienforschung der Universität Rostock