Geschlechterstereotype kennen wir alle. Es gibt Dinge, die wir bei Männern normal und bei Frauen komisch finden - und umgekehrt. Drag Kings überschreiten diese Grenzen auf künstlerische Art und Weise. Taiina Grünzig hat es ausprobiert - und genossen.

Schon seit einiger Zeit bin ich Fan von Drag Queens, meistens Männer, die als Frauen gestylt und geschminkt auf der Bühne stehen. Ich bewundere das Make-up von Queens, wie sie tanzen, sich bewegen, die Art wie sie die Grenzen zwischen Mann und Frau verschwimmen lassen und besonders ihren Mut. 

Ich bin eine Frau. Ich wurde als Frau groß gezogen, und ich persönlich habe meine Geschlechtsidentität nie infrage gestellt. Deshalb habe ich lange überhaupt nicht in Betracht gezogen, dass auch ich Drag machen könnte. Doch dann habe ich den Film "Venus Boyz" gesehen und dadurch erfahren: Es gibt auch Drag Kings - also Menschen, die als Männer auf der Bühne stehen. Da habe ich gemerkt: Ich will das auch machen! 

"Ich glaube, Genderrollen sind ja immer irgendwo restriktiv. Wenn du anfängst, dir Gedanken darüber zu machen, was du aufgrund deines dir zugewiesenen oder wahrgenommenen Geschlechts darfst oder nicht - da reibt man sich immer irgendwie dran."
Caine Panik, Drag King bei den Dragstreet Boyz

Wie bei so vielen Dingen ist mein Startpunkt das Internet. Natürlich finde ich bei Youtube mehrere Videos, in denen Menschen erklären, wie genau man sich schminken muss, um männlicher auszusehen. Privat benutze ich kein Make-up mehr, und somit muss ich verstaubtes Puder, Lidschatten und Co. ganz hinten aus dem Badregal kramen. 

Der erste Versuch, mich männlicher zu machen, funktioniert zwar irgendwie, mein Gesicht sieht aber fleckig aus und ein bisschen dreckig. Mit der Zeit werde ich besser. Aber klar: Man sieht immer noch, dass ich keine Make-up-Künstlerin bin. 

Frau zum Mann geschminkt
© Taiina Grünzig
Bis das männliche Make-up gelingt, braucht Taiina mehrere Versuche.

Eigentlich hatte ich Make-up mehr oder weniger aus meinem Leben gestrichen. Ich empfand es als etwas total Einengendes, das mir in der Pubertät "helfen" sollte, meine Makel zu verdecken. Als ich mich zum Mann schminke, fühlt es sich anders an: Make-up wird zu etwas, das mir Freiheiten gibt und die Möglichkeit, mal jemand ganz anderes zu sein. 

Es ist schwer, Drag zu definieren

Ich spreche mit Caine Panik. Er steht seit etwa zweieinhalb Jahren mit den Dragstreet Boyz aus Berlin als Drag King auf der Bühne. Die Dragstreet Boyz sind vor allem in Berlin unterwegs und performen als Boyband zu verschiedenen Songs. 

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Als ich ihn frage, was Drag überhaupt ist, muss Caine Panik erstmal lachen. Er sagt, er hatte erwartet, dass ich diese Frage stellen würde, hat aber selbst keine endgültige Antwort. Seiner Meinung nach geht es um das Spielen mit Geschlecht. Das klingt erstmal sehr abstrakt. Aber näher beschreiben kann man es wohl nicht, denn es ist schwer etwas zu definieren, das sich dadurch auszeichnet, eben nicht in Kategorien zu passen.

Drag Queens sind bekannt, Drag Kings weniger

Ich beschließe, das erste Mal in Drag raus zu gehen. In meiner Nähe findet nämlich eine queere Party statt – wahrscheinlich ein sanfter Einstig in das Dasein als Drag King, denke ich. Ich verpasse mir also einen Bart, schminke mir härtere Gesichtszüge und klebe mir mit Tape meine Brüste unter die Achseln. Draußen in der S-Bahn sind die Reaktionen dann gar nicht so stark wie gedacht. Viele Menschen gucken einfach irritiert. Schließlich spricht mich doch eine Fünfergruppe an. Sie sagen mir, dass ich ihnen aufgefallen sei, weil ich einen Bart trage und so breitbeinig sitze. Das sei nicht "normal". Ich schaue mir mein Gegenüber an. Ein Typ Mitte 20, Bart, sitzt breitbeinig auf dem Sitz. Was bei ihm normal ist, gilt für mich nicht. 

"Allein das ist schon politisch, dass wir uns eben als weiblich sozialisierte und/oder Transmenschen oder eben als queere Menschen auf diese Bühne stellen und sagen: Hey, hier sind wir!"
Caine Panik, Drag Queen/King

Bei der Party angekommen falle ich dann nicht mehr auf. Die Aufteilung von Menschen in zwei biologisch vorgegebene Geschlechter funktioniert nicht. Viele Menschen, die ich hier sehe, kann ich in keine der beiden Kategorien einordnen. Und dennoch: Während eigentlich alle hier Drag Queens kennen - Drag King ist nicht jedem ein Begriff. Auch ich habe ja zuerst nur von Queens gehört. 

"Ich glaube, heutzutage gehören Drag Queens zur weltlichen Kultur dazu."
Partygast

Caine Panik erzählt mir, dass es viel weniger Kings gibt als Queens. Er ist der Meinung, dass die fehlende Sichtbarkeit am Ende auf einen gewissen Sexismus zurückzuführen sei, weil man Frauen, die als Männer auftreten, nicht so ernst nimmt. Gleichzeitig, sagt er, werde es als weniger progressiv wahrgenommen, wenn jemand der weiblich sozialisiert wurde sich männlich gibt. 

Klar, Frauen die Hose und Hemd tragen, fallen nicht auf. Ein Mann, der im Kleid auf die Straße geht, muss sich aber wohl eher auf Kommentare einstellen.

Bart zu tragen fühlt sich gut an

Auf der Party treffe ich eine Frau mit Bart. Sie erzählt mir, dass sie Spaß daran hat, sich zwischendurch einen Bart anzukleben, um ihre männliche Seite auszuleben. Sie ist der Meinung, dass wir durch Geschlechterrollen oft in unseren Bewegungen eingeschränkt werden: "Es wäre viel cooler, wenn wir sagen könnten: Ich bewege mich grade so, wie ich mich fühle", meint sie.

"Es ist so schade, dass Frauen immer wieder eingeschränkt werden in ihren Bewegungen, und dass das dann direkt als männlich gilt, weil wir nur in weiblich und männlich denken können, weil wir so groß geworden sind."
Frau auf der Party, die sich einen Bart angeklebt hat

Ich habe gemerkt, dass ich mich mit weggeklebten Brüsten und Bart auf jeden Fall anders bewege als sonst. Gegen zwei Uhr nachts verlasse ich die Party. Meine Brust tut ziemlich weh. Tape und Schweiß bringen die Haut zum Jucken. Zu Hause entferne ich das Tape und bin nach kurzem Abziehschmerz froh, wieder alles hängen lassen zu können. Trotz des Schmerzes fühle ich mich aber sehr gut. Ich habe mich heute anders gegeben als sonst, männlicher. Und es hat sich gut angefühlt. 

Caine Panik macht neben den Drag Street Boyz auch Solo Drag, der sich aber nicht so leicht definieren lässt. Irgendwas zwischen King und Queen. Er hat mir erzählt, dass er sich nach einem Auftritt oft total bestärkt fühlt. 

Was genau Drag ist, und was genau ein Drag King ist, ist schwer zu sagen. Aber vielleicht ist es auch nicht wichtig, was es ist, sondern was es kann: Drag ist Kunst. Und Kunst kann viel bewegen. Drag - ob King oder Queen - regt die Fantasie an, stellt gesellschaftliche Normen infrage und lässt dich eintauchen in eine Gesellschaft, die es möglich macht, weiblich zu sein, männlich zu sein, jede Person zu sein, die du sein willst. 

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