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Dass Influencer fragwürdige Deals mit dem autoritär regierten Golf-Staat Dubai eingehen, um dadurch finanzielle Vorteile zu bekommen, wird heftig kritisiert. Die meisten der Angesprochenen sind zunächst abgetaucht - jetzt hat sich aber einer ihrer Manager zu Wort gemeldet.

Nach einem Jahr Pandemie ist die Lust auf Urlaub bei uns allen groß. Coronabedingt fehlen nur einfach die Möglichkeiten. Für Promis sieht das anders aus – vor allem ein Reiseziel macht da seit Wochen Schlagzeilen: das Emirat Dubai. Wenn A-, B- oder C-Promis zuletzt Fotos von Sonne und Strand gepostet haben, dann war das häufig "mit schönen Grüßen aus Dubai" verbunden.

Grund dafür sind aber nicht nur die Traumstrände, sondern handfeste finanzielle Vorteile, berichtet Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter Andreas Noll. Unter anderem Jan Böhmermann hat sich die Influencer-Deals vorgenommen: Sein 20-Minuten-Video wurde inzwischen millionenfach geklickt. Die Message: Es geht den Influencern und Influencerinnen ums Geldverdienen, Menschenrechtsfragen sind eher zweitrangig.

Dubai: steuerlich hochattraktiv

Jetzt hat sich der Manager von Simon Desue, der im Böhmermann-Video besonders angegriffen wird, gegenüber der FAZ geäußert. Desue hat zwei Millionen Followerinnen bei Instagram und vier Millionen Abonnenten bei Youtube. Daniel van Kampen, der Geschäftsführer der Hamburger Agentur High Lvl, die mehrere Influencer und Influencerinnen vertritt, hält die Diskussion für scheinheilig und sagt, hier würde mit zweierlei Maß gemessen. Die meisten Menschen würden ähnlich handeln, glaubt er. In Deutschland werde man "steuerlich komplett ausgezogen. Wenn dann einer kommt und sagt, du musst hier keine Steuern zahlen", sei das natürlich attraktiv.

Wieviel Simon Desue, der aktuell in Dubai lebt, dort verdient, hat sein Manager zwar nicht verraten. Es gibt aber ein paar Anhaltspunkte, rechnet Andreas Noll vor: In Dubai existiere keine Gewerbe- und Einkommensteuer – und der Mehrwertsteuersatz liege bei fünf Prozent. Außerdem gebe es einen breiten Markt an Kooperationspartnern, die Geld für Werbung auf Insta oder Youtube zahlen. Das seien private Unternehmen, aber auch staatliche Stellen.

"Wer die 'Influencer-Lizenz' hat, verpflichtet sich, das Emirat in leuchtenden Farben zu beschreiben und das streng konservative Gesellschaftssystem nicht zu kritisieren."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Dem gegenüber stehen Investitionen von umgerechnet 3.500 Euro für eine sogenannte Influencer-Lizenz im Jahr, erklärt unser Netzreporter. Wer diese bekommt, verpflichtet sich allerdings auch, das Land in leuchtenden Farben zu beschreiben. Das streng konservative gesellschaftliche System öffentlich zu kritisieren, ist verboten. Und die Influencerinnen und Influencer halten sich daran, wie auf Youtube und Co. zu sehen ist.

Vorwurf: Schwere Menschenrechtsverstöße

Dabei reden wir von einem Land, dem schwere Menschenrechtsverstöße vorgeworfen werden: Vor allem die Lage der Wanderarbeiter aus den Golfstaaten ist seit Jahren immer wieder Gegenstand der Kritik.

Ganz aktuell machen Politiker außerdem auf das Schicksal der Tochter des Emirs aufmerksam: Von Prinzessin Latifa war vor wenigen Wochen ein heimlich aufgenommenes Video erschienen, indem sie angibt, um ihr Leben zu fürchten, weil ihr Vater sie eingesperrt habe. Die Vereinten Nationen haben daraufhin um ein Lebenszeichen der Prinzessin gebeten – das ist aber bislang nicht gekommen.

"Der von der FAZ befragte Manager glaubt nicht, dass sich die Influencer mit der politischen Situation im Emirat befassen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Von den Influencerinnen und Influencern selbst hat sich bis jetzt keiner konkret zu den Dubai-Vorwürfen geäußert. Der von der FAZ befragte Manager Daniel van Kampen glaubt nicht, dass sie sich mit der politischen Situation im Emirat befassen. Und er rechtfertigt das gewissermaßen damit, indem er darauf verweist, dass ja viele Unternehmen, deren Produkte wir kaufen, unter fragwürdigen Bedingungen produzierten und Steuersparmodelle nutzten. Dann müssten wir "den ganzen Tag Menschen an den Pranger stellen" und "alles hinterfragen, was wir tun", sagte er der Zeitung.

Kritik aus der eigenen Branche

Diese Meinung wird aber selbst in der Branche kritisch gesehen: "Das unreflektierte Promoten von Staaten durch Influencer ist sehr kritisch zu betrachten", sagt etwa Philip Papendieck, Geschäftsführer der Influencer-Agentur Intermate, die für große Kunden wie VW oder die DB arbeitet. Die Influencer hätten gegenüber ihren vielen Fans auch eine große Verantwortung.

Spätestens seit dem Böhmermann-Video stehen die Influencer am Pranger. Ob sich dadurch allerdings tatsächlich ihre "Geschäftsgrundlage" ändern wird, ist fraglich, sagt Andreas Noll. Dem Grundsatz "Auch schlechte PR ist gute PR" folgend, könnte die Berichterstattung die Bekanntheit und damit den Markenwert der Influencerinnen sogar noch gesteigert haben. Das ist aber eher eine langfristige Rechnung, glaubt unser Netzreporter.

Aktuell seien jedenfalls einige Werbekooperationen ausgesetzt worden, hat Daniel van Kampen, der Manager von Simon Desue, der FAZ gesagt. Am Ende werden die Followerinnen und Follower selbst entscheiden, ob das Geschäftsmodell weiter aufgeht. Bleiben sie ihren Idolen treu, wird sich wohl wenig ändern.