Eigentlich halten sich alle an das Rauchverbot in der Münchner U-Bahn - trotzdem liegen vor den U-Bahneingängen überall Kippen, denn es gibt dort keine Aschenbecher. Die Stadt München und die Verkehrsbetriebe streiten seit zehn Jahren, wer diese Aschenbecher anbringen sollte. Dabei könnte alles so einfach sein. Anna Mayr hat die Hintergründe in München recherchiert.

Anmerkung: Dieser Text ist die Grundlage für einen Radiobeitrag. Der beinhaltet Betonungen und Gefühle, die bei der reinen Lektüre nicht unbedingt rüberkommen. Außerdem weichen die gesprochenen Worte manchmal vom Skript ab. Darum lohnt es sich, auch das Audio zu diesem Text zu hören.

Ich rauche eigentlich sehr gewissenhaft. Letzten Sommer bin ich zum Beispiel mit meinem Freund in München an der Isar spazieren gegangen. Wir haben uns dann kurz hingesetzt und eine Zigarette geraucht, die auf dem Boden ausgedrückt – und danach habe ich die Kippen dann wieder aufgehoben und sie zum nächsten Mülleimer getragen. Wegen der Umwelt, klar, und auch wegen der Kinder, die da rumlaufen. Aber auch, weil München so sauber ist, dass man sich direkt wie ein Straftäter fühlt, wenn man doch mal eine Zigarette im Gras ausdrückt und liegen lässt.

Aber neulich, vor ein paar Wochen, als ich mal wieder in München war, wo ich früher gewohnt habe, bin ich von der Haustür meiner Freunde in München zur U-Bahn gegangen, das sind so ungefähr fünf Minuten Fußweg – also eine sehr schnelle und stressig gerauchte Zigarette. Ich musste die Bahn kriegen, weil ich einen Termin hatte, und ich hatte das alles echt knapp geplant, also: Stresszigarette. Und dann stehe ich vor der Rolltreppe zur U-Bahn runter und will diese Zigarette irgendwo hinwerfen – aber der nächste Mülleimer steht zwanzig Meter weit weg, da, wo ich hergekommen bin.

Und Aschenbecher sehe ich eh nirgends. Das ist einer von diesen Momenten, in denen ich sehr schnell sehr viel abwägen muss: Was ist jetzt schlimmer – vielleicht die Bahn ganz knapp verpassen, oder die Zigarette einfach hier hinwerfen.

"Ich entscheide mich fürs Hinwerfen, schnippe die halbgerauchte Zigarette auf den Boden, schaue ihr hinterher… und was ich sehe, sind überall Kippen. Fast wie ein Teppich."
Anna Mayr findet keinen Aschenbecher vor dem U-Bahn-Eingang in München

Ich entscheide mich fürs Hinwerfen, schnippe die halbgerauchte Zigarette auf den Boden, schaue ihr hinterher… und was ich sehe, sind überall Kippen. Fast wie ein Teppich.

Ich glaube, in keiner anderen Stadt der Welt wäre mir der Zigarettenteppich aufgefallen. In Berlin zum Beispiel; da gehört der Dreck ja irgendwie zur Freigeistigkeit. Alle werfen alles hin und schmieren überall hin und zerschmettern Flaschen. Das ist eine ganz andere Einstellung dazu, wie man sich in der Stadt verhält.

Johann Altmann: "Wir sind jetzt am U-Bahn-Abgang in Obersendling auch hier, wenn man schaut, ist keinerlei Möglichkeit ,die Kippen irgendwo zu entsorgen, nicht einmal ein Abfalleimer steht hier. Deswegen brauchen wir uns auch nicht wundern, dass hier in dem Grünbereich die Kippen liegen. Zuhauf."

Der Mann, den ihr da hört, ist Johann Altmann. Ich habe ihn an seiner U-Bahn-Station in München getroffen, weil er schon vor Jahren den gleichen Zigarettenteppich-Schock-Moment hatte wie ich. Er ist Politiker und sitzt für die Bayernpartei im Stadtrat.

Vor drei Jahren hat er einen Antrag gestellt darauf, dass es endlich Aschenbecher an den U-Bahn-Stationen in München gibt. Man müsste sie halt nur aufstellen. Ich frag mich nur, warum bekommt München das nicht hin?

Stadt und Verkehrsbetriebe streiten sich seit zehn Jahren

2008 haben die Münchner Verkehrsbetriebe das Rauchverbot eingeführt. Vorher durften die Münchner in den U-Bahnhöfen rauchen. Und alle haben tatsächlich brav nur noch an der Oberfläche geraucht, das hat super funktioniert.

Mit dem Problem, dass sie eben nicht wissen, wo sie ihre Kippen entsorgen sollen. Und weil eben kaum ein Raucher nen tragbaren Aschenbecher mit sich rumträgt und die meisten genau so faul handeln wie ich – oder wie die meisten Raucher wahrscheinlich, landen die Kippen eben vor der U-Bahn auf dem Boden.

"Die Leute sind reich, sie sehen alle wie Katalog-Models aus – nur diese U-Bahn-Abgänge sind dreckig."
Anna Mayr versteht nicht, warum gerade München ein Kippenproblem hat

Logisch, dass die Stadt München das nicht so gut findet. Steht ihr auch nicht. Man muss sich das so vorstellen: In der Eingangshalle vom Hauptbahnhof kann man vom Boden essen. Das Wasser in der Isar ist so klar, dass man bis auf den Grund sehen kann. Die Leute sind reich, sie sehen alle wie Katalog-Models aus – nur diese U-Bahn-Abgänge sind dreckig. Die Stadt hat also nach der Einführung des Rauchverbots in den U-Bahnhöfen, die städtischen Verkehrsbetriebe darum gebeten, dass sie doch bitte Aschenbecher an den Eingängen aufstellen sollen. Eigentlich total einfach.

Aber die Verkehrsbetriebe haben gesagt: Nö. Die Raucher, die da ihre Kippen hinwerfen, das sind ja in dem Moment noch nicht unsere Fahrgäste – sondern eure Bürger. Soll heißen: Die Verkehrsbetriebe meinten, die Stadt solle die Aschenbecher aufstellen. Und so streitet sich jetzt die Stadt München mit den städtischen Verkehrsbetrieben. Über Aschenbecher. Seit zehn Jahren.

Weder die Verkehrsbetriebe noch die Stadt haben nämlich Lust dazu, Geld für den Dreck der Raucher auszugeben. Aschenbecher kosten Geld, sie zu leeren kostet auch Geld. Und rauchen ist natürlich dreckig und ungesund – beides Sachen, die man in München jetzt nicht so besonders schätzt.

In Berlin hingegen feiern ja alle den Dreck auch noch, der auf dem Bürgersteig liegt, weil sie ihn so authentisch finden. Man fühlt sich dann richtig großstädtisch. Aber München wäre halt viel lieber ein Dorf.

Das prunkvolle Wien als Vorbild für München

Johann Altmann, der Politiker von der Bayernpartei, der sich so sehr über den Kippendreck aufregt, war neulich in Wien. Wien ist ja quasi die Steigerung von München: noch prunkvoller, noch aufgeräumter. Und Altmann hat da Aschenbecher gesehen, die er ganz toll fand – so eine Aschenbecher-Mülleimer-Kombination.

Johann Altmann: "Man muss ja nicht das Rad neu erfinden, wir müssen ja nicht alles besser wissen, wenn es da schon so ein System gibt."

Ich habe mal bei dem Unternehmen nachgefragt, das der Stadt Wien diese Mülleimer-Aschenbecher-Kombinationen verkauft. Ein Vertreter von der Firma hat mir geschrieben, dass die so ungefähr 350 Euro kosten. Und jetzt rechnen wir mal: In München gibt es ungefähr 100 U-Bahn-Stationen. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass alle mindestens zwei Eingänge haben: Das heißt, wir reden von 200 Aschenbechern. Und das würde dann ungefähr 70.000 Euro kosten.

"Das heißt, wir reden von 200 Aschenbechern. Und das würde dann ungefähr 70.000 Euro kosten."
Anna Mayr hat grob die Kosten für die Aschenbecher kalkuliert

Das ist jetzt tatsächlich, wenn man sich mal das Budget der Stadt München anguckt, gar nicht so viel. Wer in München ein Auto fährt, das weniger als 70.000 Euro gekostet hat, der gilt ja schon quasi als arm.

Passiert ist aber bislang in München nichts. Mit der Ausnahme, dass an einer U-Bahn-Station, dem Partnachplatz, ein Rentner angefangen hat, die Kippen ehrenamtlich aufzusammeln.

"Sauberkeitsoffensive I – Abfallbehälter mit integriertem Aschenbecher aufstellen"

2016 ging es dann aber auf einmal in mehreren Bezirksausschüssen um das Thema. Alle lokalen Politiker haben bei der Stadt angefragt, wann es denn jetzt endlich so weit ist, dass die Aschenbecher kommen. In dem Jahr hat auch Johann Altmann den Antrag gestellt, alles so zu machen wie in Wien. Der hatte den Titel "Sauberkeitsoffensive I – Abfallbehälter mit integriertem Aschenbecher aufstellen." Und darin schreibt er: "Das saubere Erscheinungsbild der Landeshauptstadt München wird durch massenhaft herumliegende Zigarettenstummel beeinträchtigt."

Johann Altmann: "Also das ist doch kein System, wo ich sagen kann für die Umwelt, dass die Sachen ordnungsgemäß entsorgt werden, wenn ich hier so eine Handhabe anbiete."

"Also das ist doch kein System, wo ich sagen kann für die Umwelt, dass die Sachen ordnungsgemäß entsorgt werden, wenn ich hier so eine Handhabe anbiete."
Johann Altmann, Politiker von der Bayernpartei

Als Altmann seinen Antrag stellte, passiert erst mal lange nichts. Ein Jahr lang. Dann haben die Verkehrsbetriebe und die Stadt sich 2017 doch mal zusammengesetzt, also neun Jahre nachdem das Rauchverbot in den U-Bahnhöfen eingeführt wurde.

Pilotversuch startet

Danach wurde dann aber nicht etwa bekannt gegeben, dass man sich jetzt geeinigt hat und endlich diese blöden Aschenbecher kauft. Sondern erst mal, dass es einen Pilotversuch geben wird. Also, dass getestet wird, ob es wirklich etwas bringt, ob Raucher ihre Kippen wirklich in den Aschenbecher werfen, wenn da einer steht. Und ehrlich gesagt, glaube ich: Der Mensch gewöhnt sich ja sehr schnell an Sachen. Und wenn da ein Jahrzehnt lang kein Aschenbecher war, und man wirft jeden Morgen die Kippe auf den Boden – Ich weiß nicht, ob sich da direkt was ändern wird.

"Der Mensch gewöhnt sich ja sehr schnell an Sachen. Und wenn da ein Jahrzehnt lang kein Aschenbecher war, und man wirft jeden Morgen die Kippe auf den Boden – ich weiß nicht, ob sich da direkt was ändern wird."
Anna Mayr über den Pilotversuch

Auf jeden Fall haben jetzt sechs von über hundert U-Bahnstationen in München Aschenbecher. Die Kosten dafür teilen sich die Stadt und die Verkehrsbetriebe: Die Stadt hat die Aschenbecher gekauft. Und hat damit quasi eingestanden, dass es tatsächlich noch Münchner Bürger gibt, die rauchen.

Die Verkehrsbetriebe sollten dafür die Aschenbecher reinigen – schließlich sind es ja ihre Fahrgäste, die auf dem Weg zur U-Bahn Kippen wegwerfen. Dieser Pilotversuch ist im Jahr 2018 gestartet. Ich habe dann Johann Altmann, der ja auch im Stadtrat sitzt, darauf angesprochen. Und der wusste gar nicht, wovon ich rede. Ich musste ihm das dann erst mal erklären. Und er war gar nicht mal so begeistert von der Idee.

Johann Altmann: "Warum ein Pilotprojekt, wenn man merkt, wir brauchen das schnellstmöglich in mehreren Bereichen."

Ich habe versucht, bei den Verkehrsbetrieben und bei der Stadt noch mehr Informationen zu den Aschenbechern zu bekommen. Und ich habe dabei das starke Gefühl bekommen, dass die Sache allen inzwischen richtig peinlich ist. Die Stadt hat mir geschrieben: "Der Pilotversuch läuft noch, Ergebnisse werden dem Stadtrat demnächst präsentiert".

Aber als ich danach gefragt habe, wann denn demnächst ist und wie lange ein Pilotversuch gehen kann, wer jetzt die Kippenbilanz auswertet und so weiter, kam einfach gar nichts mehr zurück. Keine Antwort. Ein Sprecher der Stadtwerke hat mir ein kurzes Interview gegeben. Aber auch der konnte nur sagen:

Sprecher Stadtwerke: "Es ist ja nie verkehrt, mal einen Pilotversuch zu starten, statt noch länger zu diskutieren."

"Es ist ja nie verkehrt, mal einen Pilotversuch zu starten, statt noch länger zu diskutieren."
Antwort eines Sprechers der Stadtwerke auf Anna Mayrs Anfrage zum Pilotversuch

Dabei ist das Problem doch total einfach: Es gibt keine Aschenbecher. Nur die Lösung ist eben megakompliziert, weil niemand zuständig sein will.

Für mich habe ich auf jeden Fall eine einfache Lösung für das Kippenproblem gefunden. Ich bin von München nach Berlin umgezogen. Da fallen die Kippen zwischen dem Müll auf der Straße gar nicht auf. Aber an den U-Bahn-Eingängen hängen trotzdem Aschenbecher.