Nach und nach werden die Corona-Schutzmaßnahmen gelockert und teilweise ganz aufgehoben. Einige Bundesländer setzen auf mehr Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Kann das gut gehen? Die Philosophin Rita Molzberger glaubt, wir müssen mehr Eigenverantwortung in dem Zusammenhang erst noch einüben.

In Thüringen gibt es seit dem 13. Juni nur noch Empfehlungen und keine Verbote mehr in Bezug auf den Kontakt zu anderen Menschen. In Brandenburg werden die Verbote am 15. Juni aufgehoben, dort werden dann Veranstaltungen von bis zu 1000 Menschen erlaubt sein. Dennoch gilt weiterhin: Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten, Treffen nur mit einem weiteren Haushalt und im Freien nur mit bis zu zehn Personen.

Ungeübt für Eigenverantwortung in ethischen Kontexten

Der große Unterschied zu den übrigen Bundesländern: Jede Aktivität und Kontakt zu anderen Menschen liegt jetzt wieder in der Eigenverantwortung der Menschen. Ob wir die in einem ethischen Kontext in Bezug auf unsere Mitmenschen gut anwenden können, bei dem es um Solidarität geht, bezweifelt Rita Molzberger. Sie ist Philosophin an der Humanwissenschaftliche Fakultät der Universität Köln.

Die Philosophin erklärt, dass wir im ökonomischen Sinn Eigenverantwortung in den letzten Jahren immer mehr übernommen und eingeübt hätten. Als Beispiele nennt sie die Altersvorsorge oder Versicherungen, bei denen jeder von uns individuell verantwortlich ist. Darin seien wir inzwischen geübt, aber Rita Molzberger glaubt nicht, dass wir in der gleichen Weise für ethische Kontexte wie Solidarität geübt sind.

Sonderfall Eigenverantwortung

Bei Verantwortung gehe es immer darum zu fragen: Wer ist wofür und vor allen Dingen vor wem verantwortlich? Die Eigenverantwortung sei ein Sonderfall: "Ich bin verantwortlich vor mir selbst und dafür, was ich tue", sagt Rita Molzberger. Aber wer länger darüber nachdenke, würde zu dem Schluss kommen, dass andere Menschen beteiligt seien und das weiter reiche als das eigene Handeln.

Insofern sind die strengen Regelungen mit Verboten während der exponentiellen Verbreitung des Virus Sars-CoV-2 auch gut zu begründen, weil die Pandemie eine hochkomplexe Angelegenheit ist und die Reichweite unserer Handlungen so schwer absehbar sind. Diese Entwicklung von Ge- zu Verboten hat sich mit der Ausbreitung der Pandemie verändert und ihr angepasst.

Aktuell sprechen die Fallzahlen dafür, dass sich die Ver- wieder zu Geboten verändern können. Letztlich werde es aber keine pauschalen Antworten auf Hygienevorschriften und Schutzmaßnahmen geben, weil diese immer vom aktuellen Geschehen abhängen.

"Letztlich ist es immer die Hoffnung, dass wir uns jetzt richtig verhalten."
Rita Molzberger, Philosophin

Egal ob die Entscheidung zu mehr Lockerungen, von Ver- zu Geboten oder ganz zu Eigenverantwortlichkeit geht, steckt hinter allen Maßnahmen die Hoffnung, dass wir uns richtig verhalten, sagt Rita Molzberger.

Belastende Freiheit vs. entlastende Regeln

Eigenverantwortung bedeutet für uns auch mehr Freiheit, sagt die Philosophin. Ob wir diese Freiheit ausleben können, sei eine andere Frage. Rita Molzberger betont, dass viele Menschen durch die strengen Regeln, die allgemein galten, sich auch entlastet fühlten. Komplizierte Fragen wie "Ist das fair, wie ich mich verhalte, oder ist das richtig?" hätten sich durch die allgemeinen Regeln erst gar nicht gestellt, wenn man sie einfach befolgt hat.

Mit mehr Eigenverantwortung trägt man aber selbst wieder mehr Sorge darum, ob man sich richtig verhalte. Diese Freiheit zur Selbstbestimmung sei nie leicht, etwa sich selbst Normen und Werte zu setzen, Ideale zu errichten und sich das fürs eigene Leben zu eigen zu machen – und sich daranzuhalten.

"Wir sind in vielen Dingen ganz undiszipliniert, auch Regeln, die wir uns selbst geben, brechen wir ständig."
Rita Molzberger, Philosophin

Gegenüber anderen Menschen, die es mit den Schutzmaßnahmen und Hygienevorschriften nicht so genau genommen haben, konnten wir bisher immer auf die allgemeinen Regeln verweisen. Mit dem Übergang zur Eigenverantwortlichkeit fallen diese Sanktionsmaßnahmen weg. Jetzt bliebe uns nur, bei diesen Menschen an die Solidarität zu appellieren. Zur Eigenverantwortung gehöre immer auch die Schwestertugend Mitverantwortung und Solidarität. Daran können wir appellieren, ohne das wir als Spaßbremse dastehen, rät Rita Molzberger