Ein Jahr nach der Flutkatastrophe ist Schleiden-Oberhausen noch mitten im Wiederaufbau. Das Hochwasser hat das kleine Dorf stark zerstört. Die Menschen dort halten aber zusammen und helfen sich. Freddy, Simone und Sascha erzählen von den vergangenen zwölf Monaten.

Wenn Freddy eine Evakuierungssirene hört, erschreckt er sich noch heute. Freddy kommt aus Oberhausen im Schleidener Tal, einem Dorf in der Nordeifel im Kreis Euskirchen. Heute vor einem Jahr war er dort für die Freiwillige Feuerwehr im Einsatz und hat mit seinen Kolleg*innen sein Heimatdorf evakuiert.

Am Morgen des 14. Juli 2021 wussten sie noch nicht, dass sie die nächsten 48 Stunden ohne Pause durcharbeiten werden und damit beschäftigt sind, ihre Nachbarinnen und Nachbarn vor dem Hochwasser in Sicherheit zu bringen.

Freddy Link war bei der Flutkatastrophe für die Freiwillige Feuerwehr im Einsatz.
© Deutschlandfunk Nova | Alexander Werth
Freddy hat die Menschen in Schleiden-Oberhausen während der Flutkatastrophe evakuiert.

Der Geruch von Moder

Auch Feuerwehrmann Sascha riecht das Hochwasser noch heute überall in der Gegend. Er beschreibt den Geruch als Mischung aus Heizöl, Schlamm und Nässe. Ein Geruch von Moder – ein Jahr nach der Flutkatastrophe. Von den rund 850 Menschen, die in Schleiden-Oberhausen leben, waren fast 700 von der Flut betroffen. Eine ältere Frau kam ums Leben.

"Man war einfach schnell machtlos. Man hatte keine Möglichkeit mehr, irgendwas zu machen. Man wollte helfen, konnte es aber nicht."
Feuerwehrmann Sascha erinnert sich an die Flutkatastrophe zurück

Vor dem Hochwasser konnte sich niemand im Dorf vorstellen, wie stark die Olef, der örtliche Fluss, anschwellen kann. Die Flut hat die Häuser in Schleiden-Oberhausen stark beschädigt – zwei von ihnen so massiv, dass sie abgerissen werden mussten. Sie hat Autos auf fremde Grundstücke und Bahnschienen gespült und eine wichtige Brücke so zerstört, dass auch hier nur ein Abriss infrage kam. Seitdem sind über 50 Häuser auf der anderen Uferseite der Olef quasi vom Rest des Dorfes abgeschnitten. Eine neue Brücke soll Ende diesen Jahres fertig werden.

"Man sah Menschen aus Häusern kommen, die komplett zerstört waren – wirklich blutig und schlamm-verschmiert – über Tage!"
Freddy war damals für die Freiwillige Feuerwehr im Einsatz

Das zu Hause unter Schlammmassen

Direkt am Fluss wohnen Simone, ihr Mann und Sohn in einem Denkmalgeschützen Fachwerkhaus. Simone erinnert sich noch gut daran, mit welcher Kraft die Flut die Möbel in ihrem Haus durch die Zimmer geschleudert hat, wie Fenster zerbrochen sind und sich die Schlammmassen ausgebreitet haben.

Zerstörung und Zusammenhalt

Eine Hochwasserversicherung hatten Simone und ihre Familie damals nicht. Auch die Wiederaufbauhilfe des Landes Nordrhein-Westfalen bekamen sie nicht, erzählt sie. Ihnen wurde gesagt, dass sie genug Hilfe durch Spenden bekommen hätten.

Ihr Haus haben sie inzwischen renoviert, Möbel fehlen allerdings noch. Die Renovierung hat die Familie ungefähr 40.000 Euro gekostet. Das Geld haben sie über Spenden und mit einem Kleinkredit zusammenbekommen – und sie haben ihr Haus selbst renoviert. Sonst wären die Kosten auf das Fünffache angestiegen, schätzt Simone.

Wenn sie sich an die Zeit nach der Flutkatastrophe erinnert, denkt sie besonders an den Zusammenhalt unter den Menschen. "Es war scheißegal, wie man ausgesehen hat. Wir waren einfach alle voll Schlamm, alle gleich", erzählt sie. Alle haben bei den Aufräumarbeiten geholfen, das habe die Menschen in Schleiden-Oberhausen zusammenrücken lassen.

Simone und ihr Mann Frank mussten nach der Flutkatastrophe ihr Haus komplett renovieren.
© Deutschlandfunk Nova | Alexander Werth
Simone und ihr Mann Frank stehen vor ihrem frisch renovierten Haus.
"Die Zeit nach der Flut war hinsichtlich des Zusammenhalts eine schöne Zeit. Ich denke, es hat das Dorf noch mal zusammengebracht."
Simone erinnert sich an die Zeit nach der Flutkatastrophe in Schleiden-Oberhausen

Der Neustart beginnt

An die viele Hilfe und Solidarität erinnert sich auch Sascha noch gerne zurück. Das war großartig, sagt er. Anfang Mai 2022 haben er und sein Team von der Feuerwehr deshalb wieder eine Kirmes veranstaltet.

Es war die erste Kirmes nach zwei Jahren Corona-Pandemie und der Flutkatastrophe. Daher war sie für die Menschen in Schleiden-Oberhausen so besonders. Als der Song "In unserem Veedel" von den Bläck Fööss spielte, standen sie Arm in Arm im Kreis und haben mitgesungen. Für viele von ihnen war das auch ein Neustart.

Feuerwehrmann Sascha sitzt in seinem Einsatzwagen.
© Privat
Feuerwehrmann Sascha leitet die Freiwillige Feuerwehr in Schleiden-Oberhausen.