Die Modebranche wurde schon von einigen Skandalen erschüttert, die Missbrauchsfälle und die Ausbeutung von jungen Mädchen anprangerten. Jetzt gibt es eine reine "Mutteragentur", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge Models besser zu schützen. 

Wenn Models entdeckt werden, sind sie oft noch sehr jung: 14 oder 15 Jahre alt. Oft bedeutet der erste Modeljob, dass die Jobanfänger zum ersten Mal alleine ins Ausland reisen. Sie sind jung und unerfahren und arbeiten mit Menschen zusammen, die schon lange in diesem Beruf arbeiten. Die jungen Frauen und auch Männer kennen oft weder ihre Rechte noch ihre Pflichten. Deswegen bemerken viele auch nicht, wenn ein Kunde oder ein Fotograf mehr verlangt, als ihm zusteht. 

"Wir sind eigentlich der Meinung, dass man den Mädchen viel mehr mitgeben muss als nur ein paar Bilder."
​Esther Kinnear-Derungs, Gründerin der Modelagentur Linden Staub

Viele Models sind bei einer Stammagentur unter Vertrag, die sie an andere Agenturen im In- und Ausland vermittelt. Damit die vermittelnde Agentur nicht das Nachsehen hat, wenn eines ihrer Models für mehrere Wochen oder Monate in ein anderes Land geht, werden Models zwischen Agenturen ausgetauscht. 

Den Austausch von Models zwischen Agenturen hält Esther Kinnear-Derungs für moralisch fragwürdig. Deswegen entschied sie sich mit ihrer Businesspartnerin Tara Davies dazu, mit "Linden Staub" eine reine Mutteragentur in London zu gründen. Also eine Modelagentur, die junge Talente nicht nur entdeckt, sondern auch unterstützend an ihrer Seite bleibt. Das bedeutet, dass sie die Models entdeckt, aufbaut, berät und über den Job aufklärt. 

Wir vermitteln nur Models, nehmen aber selbst keine

Die Agentur "Linden Staub" arbeitet nur mit Models, die sie selbst entdeckt hat. Dafür beschäftigt sie drei Vollzeit-Modelscouts in England und ein paar Teilzeit-Scouts in Europa und einen in Russland. Die beiden Gründerinnen haben sich von Anfang an dazu entschieden, keine Austausch-Deals mit anderen Agenturen einzugehen. Stattdessen achten sie darauf, dass sie ihre Models an Agenturen vermitteln, die sie für seriös halten.

"Diese Politik zwischen Agenturen entsteht bei uns gar nicht, weil wir Models nur vermitteln. Was viele nicht verstehen, bei dem üblichen Austausch von Models geht es um die Agenda der Agentur oder im schlimmeren Fall, um das Ego eines Bookers."
​Esther Kinnear-Derungs, Gründerin der Modelagentur Linden Staub

Agentur-Gründerin Esther sagt, dass es durch die #MeToo-Debatte nicht unbedingt leichter für Models ist über Missbrauchsfälle zu sprechen. Der Druck sei groß, wenn man selbst in solch einer Situation stecke. Ihrer Meinung nach, stecken wir noch ziemlich am Anfang. Allerdings findet die Inhaberin von "Linden Staub", dass den Agenturen eine größere Verantwortung zukomme, als bisher von ihnen wahrgenommen werde. 

"Ein Mädchen weiß nicht, was ihre Optionen sind. Sie fragt sich, wenn ich mit meiner Agentur nach Mailand gehe, was erwartet mich dann da? Wie muss ich mich anziehen? Wann kann ich ja oder nein sagen? Muss ich mein Top ausziehen, wenn ein Fotograf das will?"
​Esther Kinnear-Derungs, Gründerin der Modelagentur Linden Staub

Beispielsweise finden viele Test-Shootings in den Wohnungen der Fotografen statt. Viele Agenturen und auch die Eltern der Models halten es für normal, die Jobanfänger alleine dorthin gehen zu lassen. Esther Kinnear-Derungs findet es schockierend, dass das der Standard ist. In ihrer Agentur achtet sie darauf, dass junge Models nur in Begleitung zu solchen Terminen gehen.