Julia Shaw pflanzt uns falsche Erinnerungen ein - sogar Straftaten. "Jeder ist dafür anfällig", sagt die Kriminal-Psychologin. Vielleicht auch unser Moderator Sven Preger - Eine Stunde Talk!

Wir sind die Summe unserer Erinnerung. Mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass alle Erinnerungen wahrscheinlich falsch sind. Oder zumindest falsche Anteile enthalten. Doch wer sind wir dann eigentlich? Julia Shaw liebt es, die Menschen in tiefe Identitätskrisen zu stürzen. Die promovierte Kriminalpsychologin arbeitet an der London South Bank University. Ihr Schwerpunkt: falsche Erinnerungen.

Die bilden wir schon in unserer frühsten Kindheit. "Erst mit dreieinhalb Jahren hört nämlich die infantile Amnesie auf", sagt Julia. Vielleicht ein bisschen früher. Aber an alles davor, können wir uns schlichtweg nicht erinnern. "Dazu ist unser Gehirn in dem Alter noch gar nicht in der Lage." Denn erst danach können wir autobiografische Erinnerungen abspeichern. Trotzdem haben wir ja häufig das Gefühl, uns ganz genau erinnern zu können. Dafür spielen soziale Faktoren eine große Rolle. Wir wollen, dass wir uns erinnern, um mitreden zu können (schließlich wissen wir ja alle noch ganz genau, wo wir zum Beispiel am 11.9.2001 waren). Oder wir genießen es einfach, eine gute Anekdote zu erzählen. "Wir legen unser eigenes Narrativ fest", sagt Julia. Inspiration gibt es ja häufig genug: Erzählungen von anderen oder Fotos.

"Man erinnert sich an das, was einen interessiert."
Julia Shaw

Am besten können wir eine Erinnerung bilden, wenn sie multisensorisch ist. Also zu einem Bild ein Geruch kommt, ein Gefühl und eine Emotion. Dann sind viele Bereiche des Gehirns für diese Erinnerung miteinander verknüpft. Deswegen ist es besonders wichtig, was wir zu der Erinnerung assoziieren.

"Eine Erinnerung ist wie eine Wilkipedia-Seite."
Julia Shaw

Jedes Mal, wenn wir uns dann erinnern, können wir die Erinnerung verändern. Etwas hinzufügen oder weglassen - so vergessen wir. Das Spannende: Nicht nur wir verändern so unsere Erinnerungen, sondern auch andere. Erinnerungen sind also ständig in Bewegung und sehr stark davon abhängig, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Ein Beispiel dafür ist #thedress: Das ist ein Bild, das 2015 viral gegangen ist. Die Frage: ist das Kleid weiß/golden oder doch blau/schwarz?!

"Wir können alle im selben Moment auf dasselbe schauen und nicht dasselbe sehen!"
Julia Shaw

Diese Erkenntnis ist besonders für Julias Arbeit wichtig. Sie wird häufig als Gutachterin und Beraterin bei Kriminalfällen in England und Amerika hinzugezogen. Dabei geht es häufig um Sexualdelikte. Ein typischer Fall: Jemand erinnert sich an einen lange zurückliegenden Missbrauch. Julia analysiert dann unter anderem, wie plausibel diese Erinnerungen sind und unter welchen Umständen sie hervorgerufen wurden. Davon erzählt sie auch in ihrem gerade erschienenen Buch " Das trügerische Gedächtnis".

"Ich arbeite mit extremen Fällen."
Julia Shaw

In Eine Stunde Talk erzählt sie von ihren frühesten Kindheitserinnerungen, ihren Gedächtnislücken und wie sie uns falsche Erinnerungen einpflanzt.