Einen "Mutterinstinkt" gibt es nicht, sagt die Wissenschaft. Für die tiefe Gefühlsbindung zu einem Kind ist der enge Kontakt ausschlaggebend – auch wenn Schwangerschaft und Geburt durchaus Veränderungen im Gehirn bewirken.

Mütter, die intuitiv wissen, was gut für ihr Kind ist – und die sich auf ganz natürlich-kompetente Weise am besten um ihre (leiblichen) Kinder kümmern können: Das ungefähr beschreibt der Begriff "Mutterinstinkt". Der Ausdruck ist eng mit einem althergebrachten Rollenverständnis von Mutterschaft verbunden.

Mütter haben keinen angeborenen Instinkt

Doch Mütter sind nicht auf Knopfdruck gute, fürsorgliche Mütter - und schon gar nicht haben sie eine Art angeborenen Instinkt zum Muttersein, wie es der Begriff suggeriert, betont die Journalistin und Buchautorin Annika Rösler.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Evelyn Höllrigl Tschaikner hat sie ein Buch zum Thema geschrieben. Es heißt: "Mythos Mutterinstinkt. Wie moderne Hirnforschung uns von alten Rollenbildern befreit und Elternschaft neu denken lässt".

"Wenn wir an den Mutterinstinkt glauben, glauben wir daran, dass nur die biologische Mutter sich richtig um das Kind kümmern kann. Aber wir wissen von Studien, dass das nicht der Fall ist."
Evelyn Höllrigl Tschaikner Journalistin und Autorin

Würde man nach der Logik des Mutterinstinkts gehen, wären unter anderem Familien mit zwei Vätern, Eltern adoptierter Kinder oder
Patchworkfamilien nicht in der Lage dazu, sich so gut um ein Kind zu kümmern, wie es die leibliche Mutter tut. Doch laut dem aktuellen Stand der Hirnforschung gibt es sowas wie den Mutterinstinkt gar nicht, auch wenn es plausibel klingen mag.

Werdende Mütter durchleben eine "Muttertät"

Annika Rösler und Evelyn Höllrigl Tschaikner beschäftigen sich in ihrem Buch mit aktuellen Forschungen. Demnach kann bei werdenden Müttern in und nach der Schwangerschaft durchaus eine Veränderung im Gehirn festgestellt werden. Die ist so deutlich, dass sie auch mit der Pubertät verglichen wird und deswegen "Muttertät" genannt wird.

"Die 'Muttertät' ist die Entwicklung einer Frau zur Mutter. Seit einigen wenigen Jahren gibt es wirklich den wissenschaftlichen Beweis dafür."
Annika Rösler, Journalistin und Autorin

Wenn man mit einem MRT die Gehirne von Frauen vor, während und nach einer Schwangerschaft vergleicht, dann kann man anhand dieser Scans
nicht nur feststellen, ob jemand ein Kind bekommen hat, sondern auch abschätzen, wie leicht potenziell die Bindung nach der Geburt fallen wird.

Wäre das also nicht eher der Beweis dafür, dass es doch sowas wie einen Mutterinstinkt gibt? Annika und Evelyn sagen: Das ist nicht der Fall. Zum einen, weil die Muttertät sehr individuell abläuft und vermutet wird, dass auch äußere Einflüsse dabei eine große Rolle spielen. Und zum anderen kann sich eine ähnlich enge Bindung zum Kind auch bei anderen Bezugspersonen entwickeln.

Empfehlungen aus dem Beitrag:
  • Annika Rösler, Evelyn Höllrigl Tschaikner: Mythos Mutterinstinkt. Wie moderne Hirnforschung uns von alten Rollenbildern befreit und Elternschaft neu denken lässt. Kösel, 240 Seiten, 2023.
In diesem Beitrag enthaltene Kapitel:
  • Annika Rösler und Evelyn Höllrigl Tschaikner erklären, warum das Konzept „Muttertät“ entlastend sein kann
  • Annika Rösler und Evelyn Höllrigl Tschaikner über Zukunfts-Visionen von Elternschaft
  • Janina erzählt im Liebestagebuch von einer großen Veränderung
  • Eine Stunde Liebe
  • Moderatorin:  Anke van de Weyer
  • Gesprächspartnerinnen:  Annika Rösler, Evelyn Höllrigl Tschaikner - Journalistinnen und Autorinnen