In die Jahre gekommene Rock- und Pop-Stars, die treten nicht einfach ab – die treten viel lieber noch mal auf: Bei einer weltweiten Abschiedstour. Das Geschäft funktioniert bestens. So gut, dass auf die letzte gerne noch eine allerletzte Tour folgt.

Jetzt aber echt: Diesmal wird es wirklich die letzte Tour sein. Oder doch nicht? Phil Collins ist mit Unterbrechungen seit 2017 live mit Konzerten unterwegs. "Still Not Dead" hieß seine Tour zu Anfang. Und weil der Musiker kein Ende finden kann, tourt er jetzt unter dem Titel "Still Not Dead Yet". Ozzy Osbourne machte es ebenso: 1992 war er unterwegs mit "No More Tours", 17 Jahre später mit "No More Tours 2019".

First und Final Farewell

Das ist schon ein bisschen lustig, klar. Aber es macht auch einen Trend deutlich, der in den letzten Jahren immer wieder zu beobachten war: Wie das Geschäftsmodell Abschiedstournee in Serie geht. Hat so eine "Abschiedstour" angesichts dieser Entwicklung eigentlich überhaupt noch eine Bedeutung? Ja, meint Arne Willander, Musikredakteur beim Rolling Stone Magazin: Phil Collins beispielsweise tourte schon 2004 mit der "First Final Farewell Tour", und deutete so schon im Titel an, dass es möglicherweise noch weitere "Farewell-Touren" geben wird. Der Titel müsse einfach jedesmal zur neuen Situation passen.

"Je mehr Abschiedstourneen es gibt, umso wichtiger ist es natürlich, dass jedesmal ein neuer Titel gefunden wird."
Arne Willander, Redaktion "Rolling Stone" Berlin

Einige Gründe für Abschiedstourneen liegen auf der Hand: Die letzte Chance, das Idol live zu sehen – da können und werden natürlich krasse Ticket-Preise aufgerufen. Und dieses Geschäftsmodell funktioniert sehr gut, sagt Reinhard Kopiez, Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

"Man darf nicht vergessen: Zum Geldverdienen ist es tatsächlich super, denn mit Tonträgern wird tatsächlich kein Geld mehr verdient. Geld wird auf der Tour verdient."
Reinhard Kopiez, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
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Unvergesslich für die Fans

Es macht ein Konzert für Fans zu einem besonderen Erlebnis, wenn sie in der Gewissheit dort sind, dass sie ihren Star nun quasi zum letzten Mal live auf der Bühne sehen können. "Ich war dabei" könne man dann sich selbst und sogar seinen Enkeln noch erzählen. Der Fachbegriff für so ein Erleben sein "Liveness", sagt Reinhard Kopiez. Wir bezahlen zwar für ein Konzert, bekommen dafür aber ein Erlebnis, an das wir uns immer erinnern können.

"Ich war dabei, als Deep Purple das letzte Mal in der Originalbesetzung aufgetreten ist. Und davon kann man dann noch als kulturelles Kapital seinen Enkeln erzählen."
Reinhard Kopiez, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
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Kiss hat für 2019 seine "End Of The World Tour" angekündigt. Die Tour soll zwei oder drei Jahre dauern. Ob es die wirklich allerletzte sein wird? Paul Stanley, Gitarrist und Sänger von Kiss, hat kürzlich mit dem Rolling Stone Podcast "Music Now" über die Abschiedstour gesprochen. Und er meint: Jede Karriere hat irgendwann ein Ende. Manchmal beende der Tod die Karriere – manchmal eine Abschiedstour.

"It’s not a coincidence that there are so many bands and performers announcing their retirement or their farewell. As much as you wanna believe an icon is ageless and timeless, time will prove it not to be so."
Paul Stanley, Gitarrist und Sänger bei Kiss

Keiner ist unsterblich

David Bowie, Prince, Tom Petty – viele Größen aus dem Geschäft sind in den vergangenen Jahren verstorben. Und bei gleichaltrigen Musikern löst das Gedanken über die eigene Sterblichkeit aus, meint Arne Willander vom Rolling Stone. Punk und Rock lebten lange Zeit von dem Image "live hard, die young". Die Auseinandersetzung mit dem Tod war höchstens die Auseinandersetzung mit einem frühen Tod – sei es durch Drogen, Krankheit oder Selbstmord. Wer aber 30, 40 oder 50 Jahre im Showbusiness überlebt hat, der hat das Business überlebt. Die Frage ist nur: Was kommt dann?

"The Who gibt es noch immer, und die sangen ja bekanntlich: I hope I die, before I get old. Das mussten sie mehrfach schon widerrufen."
Arne Willander, Redaktion "Rolling Stone" Berlin

Es gibt solche, die den Abschied an die große Glocke hängen und mit viel Tamtam ihren Hut nehmen, ja. Es gebe aber auch die, die einfach immer weiter machen, bis sie tot umfallen. Rod Stewart sei so einer, meint Arne Willander: "Der würde sich schrecklich langweilen, wenn er nicht auf Tournee gehen würde." Von einer Abschiedstour habe er aber noch nie gesprochen. Anders bei Elton John: Er kündigte offiziell an, dass er von der Bühne abtreten will und verabschiedet sich bei seinen Fans mit der "Farewell Yellow Brick Road"-Tour.

Sich selbst abfeiern

Das Gute an einer Abschiedstour ist ja: Das Rad muss nicht neu erfunden werden. Niemand erwartet einen neuen Hit. Musiker können sich einfach für ihre größten Hits abfeiern. Das macht ihnen Spaß – und den Fans. Win Win. Dabei ist das Ende nah, bei dem einen mehr, bei den anderen weniger…

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