Es gibt wohl kaum eine Krankheit, vor der wir uns mehr fürchten als vor Krebs. Wie wir uns fürchten, und wie wir mit dieser Angst umgehen, hat sich im Laufe der letzten 100 Jahre gewaltig verändert. Ein Vortrag der Historikerin Bettina Hitzer.

Als beim preußischen Kronprinzen Friedrich III im Jahr 1887 Kehlkopfkrebs diagnostiziert wird, fassen seine Ärzte und seine Ehefrau einen Plan: Unter dem Vorwand, eine weitere Untersuchung sei notwendig, soll Friedrich zum OP-Tisch geführt werden und ohne Vorwarnung chloroformiert und anschließend operiert werden. Dazu kam es allerdings nie - unter anderem soll Otto von Bismarck interveniert haben.

Angst vor der Angst

Was für uns heute unfassbar klingt, war am Ende des 19. Jahrhunderts nicht außergewöhnlich, erklärt die Historikerin Bettina Hitzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in ihrem Vortrag. Es kam durchaus vor, Patienten ohne jegliche Vorwarnung eine Narkose zu verpassen und sie dann zu operieren. Irgendwann griffen dann zum Glück die Gerichte ein und verlangten, dass mündige Bürger einer Operation vorher zustimmen müssen. 

"Die Bedeutung der Angst verändert sich massiv im Verlauf des 20. Jahrhunderts."
Bettina Hitzer, Historikerin

Der Grund für dieses Vorgehen: Man hatte Angst vor der Angst. Wenn der Patient sich fürchtet, so meinte man, dann gefährde das den Erfolg der Operation. Auch sei mehr Narkosemittel nötig, und damit erhöhe sich das Risiko.

"In der Angstgeschichte der Krebskrankheit lässt sich erkennen, welche produktive und auch destruktive Rolle dem Gefühl der Angst zugeschrieben wurde."
Bettina Hitzer, Historikerin

Heute wird niemand mehr hinterrücks mit einer Operation überrumpelt. Aber die Frage, was wir mit der Angst anfangen, ist geblieben. Unser Umgang mit Angst - und ganz besonders unser Umgang mit der Angst vor einer Krebskrankheit - hat sich im Laufe der Zeit deutlich gewandelt. Wie genau, das erforscht die Historikerin Bettina Hitzer. Ihr Spezialgebiet ist die Geschichte von Gefühlen.

Bettina Hitzer hat ihren Vortrag am 26. Januar 2018 im Rahmen der Tagung "Angst machen. Koproduzenten eines Gefühls" am Potsdamer Einstein Forum gehalten. Der Titel ihres Vortrags lautet: "Angst essen auch Körper auf? Die Krebskrankheit und die Macht der Angst".

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