Neue Techniken, um saubere, klimafreundliche Energie zu erzeugen? Klar, die brauchen wir. Doch das genügt nicht. Wir müssen lernen, auch den anderen Teil des Problems mitzudenken: uns selbst! Uns Menschen mit unseren Bedürfnissen, Gewohnheiten und Erwartungen. Ein Vortrag des Physikers und Philosophen Armin Grunwald.

Wir denken viel zu kurz, wenn wir glauben, es gehe bei der Energiewende alleine darum, erneuerbare Energien zu fördern, neue Techniken zur umweltfreundlichen Stromerzeugung zu erfinden oder Fahrzeuge zu bauen, die ohne fossile Brennstoffe auskommen.

"Wir wollen den Strom vorne aus der Steckdose rausnehmen, uns interessiert aber üblicherweise nicht, wie er von hinten da reinkommt."
Armin Grunwald, Physiker und Philosoph

Armin Grunwald ist Physiker und Philosoph und hat sich auf Technikethik spezialisiert. In seinem Vortrag erklärt er, warum unser Energiesystem zwei Seiten hat. Zum einen besteht es aus Dingen – aus Kraftwerken, Leitungen, Steckdosen. Aber eben nicht nur.

Der träge Mensch

Zum System gehören auch wir Menschen – unsere Trägheit zum Beispiel, unser Lebensstil, unser Wirtschaftssystem. Beides zusammen macht unser Energiesystem aus. Es ist, so Grunwalds Formulierung, eine "sozio-technische Struktur".

"Das Energiesystem ist eine sozio-technische Struktur. Das macht die Transformation ungleich schwieriger, als einfach alte Technik durch neue zu ersetzen."
Armin Grunwald, Physiker und Philosoph

Erst wenn wir das wirklich begreifen, können wir richtig über die Herausforderungen der Energiewende nachdenken, so der Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe. Es mag ganz schön schwierig sein, unsere Energieversorgung von Atomstrom und fossilen Brennstoffen auf Wind, Wasser und Sonne umzustellen.

Die "weichen Faktoren"

Aber es sind die so genannten "weichen Faktoren", die wirklich schwer zu ändern sind – nämlich wir, wie wir leben und leben wollen. Das bremst die Energiewende immer wieder, sagt Grunwald.

"Das Menschliche, Organisatorische, Ökonomische muss mit verändert werden – und damit auch lang entwickelte, lieb gewonnene Gewohnheiten."
Armin Grunwald, Physiker und Philosoph

Deshalb brauchen wir eine echte Diskussion darüber, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen könnte. Was ist uns die Energiewende wert? Welchen Preis sind wir bereit, für ein klimaverträgliches Energiesystem zu zahlen?

"Die Energiewende ist nicht zum Nulltarif zu haben."
Armin Grunwald, Physiker und Philosoph

Armin Grunwalds Vortrag hat den Titel "Ethische Fragen und Akzeptanzprobleme – warum die Energiewende so schwer ist". Er hat ihn am 3. Juni 2019 im Rahmen der Reihe "Kieler Energiediskurs" gehalten. Veranstaltet wird die Reihe von der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des Instituts für Weltwirtschaft.