"Jetzt heul doch nicht!", "Ich zähle bis drei!", "Weil ich das sage!"... Manche Sätze wollten wir nie von unseren Eltern übernehmen – und sagen sie später trotzdem. Warum alte Muster in Stressmomenten auftauchen und wie wir anders reagieren können.
Viele kennen diesen Moment: Man hört sich selbst reden – und plötzlich klingt es wie früher zuhause. Die Psychoanalytikerin Cécile Loetz sagt: Wir übernehmen nicht nur bewusst Werte oder Regeln von unseren Eltern, sondern auch unbewusst Muster aus unserer Kindheit. Gerade in stressigen Situationen tauchen diese oft wieder auf.
"Ganz vieles läuft implizit ab – zum Beispiel, wie mit Konflikten oder Gefühlen umgegangen wurde. Gerade in Stresssituationen kommen diese alten Muster gerne hoch."
Cécile Loetz erklärt, dass Kinder schon früh erleben, wie Erwachsene auf Wut, Traurigkeit oder Grenzen reagieren. Diese Erfahrungen würden sich tief einprägen – oft ohne Worte. Deshalb reiche es später nicht, sich einfach vorzunehmen, "alles anders" zu machen.
Alles ganz anders machen? Gar nicht so einfach!
Besonders deutlich werde das bei Sätzen wie "Sei doch nicht traurig!" oder "Stell dich nicht so an!" Dahinter stecke oft der Wunsch, unangenehme Gefühle schnell verschwinden zu lassen. Die Psychoanalytikerin sagt, dass viele Menschen selbst nie gelernt haben, Traurigkeit oder Wut wirklich auszuhalten, weder bei sich noch bei anderen.
"Es kommt nicht nur darauf an, bestimmte Sätze zu verbieten, sondern darauf, wie ich auf das Kind zugehe."
Entscheidend ist laut Cécile Loetz weniger die perfekte Formulierung als die emotionale Haltung dahinter. Kinder würden sehr genau spüren, ob beispielsweise Traurigkeit Raum bekomme oder möglichst schnell beendet werden solle. Und: Wer bemerkt, dass bekannte Sätze oder Verhaltensweisen plötzlich wieder auftauchen, reagiert darauf oft mit Schuldgefühlen.
Muster erkennen durch Selbstbeobachtung
Genau das mache Veränderungen aber eher schwieriger, sagt die Psychoanalytikerin. Fehler gehörten zur Erziehung dazu, wichtiger sei der Umgang damit. Sie empfiehlt, neugierig auf die eigenen Reaktionen zu schauen: Woher kenne ich diesen Satz? Welcher Druck steckt dahinter? Wer sich nicht nur verurteile, könne leichter verstehen, warum bestimmte Muster immer wieder auftauchen.
"Es geht gar nicht darum, Konflikte zu vermeiden, sondern konfliktfähig zu werden."
Veränderung braucht auch Zeit, betont sie. Denn: Viele Prägungen müssten wir nicht nur rational verstehen, sondern auch emotional verarbeiten. Ein Beispiel sei Leistungsdruck: Viele Menschen wollten ihn nicht an ihre Kinder weitergeben, hätten aber selbst gelernt, sich nur über Leistung wertvoll zu fühlen.
Nicht alles ist schlecht
Gleichzeitig gibt Cécile Loetz betont g zu bedenken, dass wir nicht nur problematische Dinge von unseren Eltern übernehmen. Viele Prägungen seien auch hilfreich oder stärkend. Bei sich selbst beobachte sie etwa, dass Frauen in ihrer Familie oft stark seien, sich gleichzeitig aber schnell zurücknähmen und die Bedürfnisse anderer über die eigenen stellten.
"Dass es nicht nur um andere geht, sondern dass man auch mitteilt, was man selbst braucht – das ist für mich ein wichtiges Thema.“"
Alte Muster komplett loszuwerden, sei deshalb vielleicht gar nicht das richtige Ziel. Viel wichtiger findet die Psychoanalytikerin es, sie zu erkennen – damit wir bewusster entscheiden können, was wir weitergeben möchten und was nicht.
- Cécile Loetz und Jakob Müller: "Jetzt bin ich schon wie meine Eltern" – Wie Erziehung über Generationen wirkt | Hanser Verlag | 272 Seiten | Veröffentlichung: 17.03.2026
