Mehr Männer lassen sich wegen Essstörungen behandeln, zeigen Untersuchungen aus Großbritannien. Das liege an der Bereitschaft, sich mit psychischen Krankheiten auseinander zu setzen.

Der Britische Guardian berichtet, dass die Zahl der Männer, die sich wegen einer Essstörung behandeln lassen, in Großbritannien zwischen 2010 und 2018 verdoppelt habe. Britische Studien legen nahe, dass, nur der wesentlich kleinere Teil der betroffenen Männer überhaupt professionelle Hilfe annehme.

Größere Bereitschaft für eine Behandlung

Eine Entwicklung, die nicht nur Großbritannien betrifft. Für Thomas Huber, Chefarzt und Psychiater an der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen, sind die aktuellen Ergebnisse weniger ein Indiz dafür, dass die Zahl der Männer mit einer Essstörung steigt, sondern eher dafür, dass die Behandlungsbereitschaft bei Männern heute größer ist. Huber behandelt viele Menschen mit Essstörungen - auch ein eigenes Programm für Männer gibt es in seiner Klinik.

"Das hat vermutlich weniger damit zu tun, dass mehr Männer Essstörungen bekommen, sondern dass mehr Männer sich in Therapie trauen. Prinzipiell ist es so, dass Anorexie und Bulimie bei Männern wesentlich seltener sind, also etwa im Verhältnis 1:11."
Thomas Huber, Chefarzt und Psychiater an der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen

Für Thomas Huber hängt dies damit zusammen, dass psychische Krankheiten weniger stigmatisiert sind. Eine Essstörung kann zwar mit der Orientierung an einem übersteigerten Schönheitsideal zusammenhängen, sagt der Psychiater. Die Gründe liegen jedoch tiefer: Etwa wenn eine geringes Selbstwertgefühl vorliegt, würde die Magersucht zum Mittel, um ein Gefühl von Stärke und Kontrolle zurückzuerlangen.

Auch nach traumatischen Erfahrungen können Essstörungen auftreten. Die Magersucht, der vollkommene Bezug aufs Essen, funktioniere dann wie eine Art Gefühlshemmer, erklärt Thomas Huber: "Es ist nicht selten, dass im Hintergrund ein Trauma liegt, das an die Oberfläche drängt. Das wird dann mit einer Magersucht unterm Deckel gehalten."

Die zentralen Fragen sind dieselben

Beim der Behandlung von Männern und Frauen geht es dabei um dieselben Fragen und Probleme: Einerseits geht es um die Verbesserung des Essverhaltens und andererseits die Suche nach den Ursachen. Ein Unterschied im Therapieansatz liegt eher darin, dass viele Männer den Austausch über Gefühle weniger gewohnt sind, dafür gibt es dann spezielle Therapieangebote.

"Für Männer ist Psychotherapie ein bisschen schwieriger als für Frauen, weil sie oft nicht so gewohnt sind über Gefühle zu sprechen, oder sich selbst zu hinterfragen."
Thomas Huber, Chefarzt und Psychiater an der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen

Medial wird Essstörung nicht mehr als eine Art "weibliche Problematik" gelabelt. Prominente Männer wie Robert Pattinson oder Keith Harington haben sich zu dem Thema geäußert und das Bewusststein für Essstörungen oder eine Körper-Dysmorphie also eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers, geschärft.

Prominente Unterstützung?

Auch der ehemalige Skispringer Sven Hannawald hat seine Geschichte mit der Magersucht publik gemacht. Für Psychiater Thomas Huber können solche Statements hilfreich sein, das Thema zu enttabuisieren. Prominente Betroffene können jedoch auch Trigger sein, an deren Anorexiebild sich andere Männer ausrichten.

Thomas Huber sagt: Eine Essstörung ist heilbar. Aber die Essstörung abzulegen, kann sehr schwer sein, da sie für die Betroffenen oft lange als Mechanismus gewirkt habe, um Gefühle abzutöten oder Selbstwert wieder herzustellen. "Das ist tatsächlich eines der teuflischsten Dinge bei einer Magersucht. Sie haben immer damit zu tun, dass ein Teil in demjenigen meint, die Magersucht noch zu brauchen." Der entscheidende Schritt sei, Hilfe anzunehmen. Und das tun immer mehr Männer.

"Ich kenne genug Menschen, die von sich selber überzeugend sagen können: Ich hatte mal eine Essstörung, und die ist heute kein Thema mehr. "
Thomas Huber, Chefarzt und Psychiater an der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen