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Beim Suchen und Finden eines Partner oder einer Partnerin hat in der Vergangenheit auch die Eugenik eine Rolle gespielt, die unter anderem dafür sorgen sollte, den Genpool mit damals als positiv bewerteten Erbanlagen zu "verbessern". Wie viel Einfluss die Eugenik in den USA und Deutschland zwischen 1920 und 1970 hatte, durchleuchtet die Historikerin Isabel Heinemann. Ihr Kollege, der Historiker Christoph Lorke, blickt in seinem Vortrag auf binationale Ehen in DDR und BRD.

Der US-amerikanische Eugeniker Paul B. Popenoe hat ein klares Programm verfolgt: Er wollte die Scheidungsrate senken, das Erbgut "verbessern" und konservative Geschlechterrollen stärken.

Dafür hat er 1930 das erste Eheberatungsinstitut der USA in Kalifornien gegründet. Dort hat er heiratswillige Paare zu "erfolgreicher Ehe und Partnerschaft" beraten. Mit dieser Absicht schrieb er auch Eheratgeber und war in den USA deshalb als Mr. Marriage bekannt. Zu dieser Zeit hat sich Paul B. Popenoe auch schon als Experte für Zwangssterilisation einen Namen gemacht.

Das Vorbild für seine Arbeit waren die Eheberatungsstellen der Weimarer Republik, erklärt die Historikerin Isabel Heinemann. Sie hat die Rolle der Eugenik in den USA und Deutschland zwischen 1920 und 1970 untersucht.

"Paul B. Popenoe durchmaß eine aufschlussreiche Entwicklung vom kalifornischen Dattelpflanzer zum wichtigsten Vertreter der amerikanischen Eugenik-Bewegung in den 1920er-Jahren."
Isabel Heinemann, Historikerin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

An diese Einrichtungen knüpfte auch der Zwillingsforscher und Eugeniker Otmar von Verschuer an. Während der NS-Diktatur war er einer der führenden Vertreter der sogenannten Rassenhygiene, eine pseudowissenschaftliche, radikale These aus dem 19. Jahrhundert, die die "Qualität der Menschheit" für gefährdet hielt.

Die Historikerin Isabel Heinemann betont, dass sowohl in Deutschland als auch in den USA Wissensbestände aus der nationalsozialistischen Eugenik über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus weiterlebten.

"Verschuer beteiligte sich im Rahmen seiner erbbiologischen Grundlagenforschung wissentlich und gezielt an verbrecherischen Forschungen und erhielt dazu unter anderem Blut und Organpräparate aus dem Konzentrationslager Auschwitz."
Isabel Heinemann, Historikerin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Partnerwahl von außen gelenkt

Ihr Kollege Christoph Lorke betrachtet in seinem Vortrag vergleichend die DDR und die Bundesrepublik im Hinblick auf binationale Eheschließungen. Wie viele davon gab es? Woher kamen die Ehepartnerinnen und Ehepartner?

In der Bundesrepublik nahm die Zahl binationaler Ehen laut des Historikers ständig zu: Nachdem es zu Beginn der 1950er-Jahre in absoluten Zahlen mehr als 10.000 solcher Eheschließungen pro Jahr gab, sind sie 1967 auf 20.000 und 1988 auf 30.000 angestiegen.

"In der DDR waren die Zahlen binationaler Ehen seit den ausgehenden 60er-Jahren leicht ansteigend, ehe sich die relative Größe bei knapp drei Prozent aller Eheschließungen einpegelte. In der Bundesrepublik waren es sechs bis acht, teilweise zehn Prozent Ende der 80er-Jahre. "
Christoph Lorke, Historiker an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

Beide deutsche Verwaltungen und auch die Familienangehörigen der deutschen Partnerinnen und Partner versuchten, die Ehe der Heiratswilligen zu erschweren oder zu verhindern. Sowohl in Ost als auch in West wurde angezweifelt, ob es sich um "echte Verhältnisse" oder "Scheinehen" handeln würde.

Isabel Heinemann lehrt Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, ebenso ihr Kollege Christoph Lorke. Heinemanns Vortrag heißt "Das Paar als Reproduktionsinstanz: (Ehe-)Paare im Fokus von Familienplanung und Eheberatung in der BRD und den USA 1920 - 1970". Lorkes Vortrag trägt den Titel "Erweiterte Partnermärkte und neue (alte) Einschränkungen: Interkulturelle Paarbeziehungen im geteilten Deutschland".

Beide Vorträge wurden zuerst anlässlich der Online-Tagung "Revolution der Paarbeziehung? Der Wandel des Beziehungslebens in Bundesrepublik und DDR" am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam gehalten und nachträglich für unsere Sendung Hörsaal eingesprochen.