Wir brauchen die Ozeane für unser Klima, unsere Ernährung, unser Ökosystem. Aber nicht nur das. Auch unsere Kultur, unsere Politik und unser Selbstverständnis wird vom Meer bestimmt. Viel stärker als wir das vielleicht meinen. Ein Vortrag des Historikers Jürgen Elvert.

Dort, wo das Land zu Ende ist, fängt das Meer an. Eine scheinbar unendliche, unbekannte Weite tut sich auf. Das hat uns schon immer fasziniert.

"Grenzen sind exklusiv und inklusiv zugleich. Das Meer hingegen erscheint uns grenzenlos und ist damit gewissermaßen eine Antithese zur menschlichen Existenz."

Umso erstaunlicher ist es, dass Kultur- und Geschichtswissenschaften die Rolle der Meere lange stiefmütterlich behandelt haben. Der Historiker Jürgen Elvert will das ändern. Er ist Professor für Europäische Geschichte an der Universität Köln. In seinem Vortrag erzählt er, wie das Meer zur europäischen Identitätsbildung beigetragen hat.

"Mensch sein heißt, Grenzen zu ziehen und an Grenzen zu stoßen. Möglicherweise liegt der Schlüssel zum Verständnis für das Faszinosum Meer gerade hier: das Meer als Raum für Grenzerfahrung."

Da gibt es zum einen die physische Umgrenzung: Europa ist an drei Seiten vom Wasser umgeben. Diese Außengrenze führt fast automatisch dazu, dass sich die europäischen Staaten dadurch stärker als Einheit sehen.

"Europa entdeckte die Welt über das Meer und lernte sich zugleich selber kennen."
Jürgen Elvert, Historiker

Gleichzeitig bildet das Wasser den Weg zu anderen Kontinenten. Die Seefahrt hat Handel ermöglicht, neue Pflanzen und Nahrung nach Europa gebracht, wissenschaftliche Entdeckungen gefördert und die Europäer in Kontakt mit anderen Kulturen gebracht. Das hat auch dunkle Seiten: Ohne das Meer lässt sich zum Beispiel der europäische Kolonialismus nicht richtig verstehen. Und heute ist das Mittelmeer der Ort, an dem Tausende ertrinken beim Versuch, zu fliehen und in Europa Zuflucht zu finden.

Jürgen Elverts Vortrag hat den Titel "Über die Bedeutung des Meeres in der europäischen Geschichte". Er hat ihn am 26. September 2018 in Berlin gehalten im Rahmen der Ausstellung "Europa und das Meer" des Deutschen Historischen Museums.