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Der Angriff von Q-Anon, Rechtsextremen und Milizen auf das Kapitol komme nur ein bisschen überraschend, findet Extremismusforscher Jakob Guhl. Die Wahrheit selbst sei eben in den USA politisiert worden.

Während oder nach dem gewaltsamen Angriff auf das Kapitol durch Anhänger von US-Präsident Donald Trump am 6.01.2021 starben fünf Menschen. Parlamentarierinnen und Parlamentarier beider Kammern mussten um ihr Leben fürchten und wurden teilweise evakuiert.

An verschiedenen Orten in Washington sind Rohrbomben und weitere bombenartige Objekte sichergestellt worden. Zuvor hatte Donald Trump vor dem Weißen Haus seine Anhänger persönlich dazu aufgefordert, bis zum Letzten zu kämpfen und das Land zurückzuerobern.

"Eigentlich hatten wir diese Szene für den unmittelbaren Nachgang der US-Wahl Anfang November erwartet."
Jakob Guhl, Extremismusforscher am Institut für Strategischen Dialog, London

Für den Extremismusforscher Jakob Guhl ist das ein Ergebnis von Desinformationskampagnen, der gesellschaftlichen Polarisierung, des Misstrauens gegenüber politischen Institutionen und digitaler Alternativwirklichkeiten in den USA.

Ergebnis eines jahrelangen Prozesses

In den wiederholten Vorwürfen seitens Donald Trump, dass es systematischen Wahlbetrug gegeben habe, seien auch immer gewaltbereite Rhetorik und Umsturzfantasien deutlich zu hören gewesen. Jakob Guhl sagt: "Das alles hat sich über Jahre entwickelt. Mit Sicherheit wird es auch während der Präsidentschaft von Biden nicht schlagartig verschwinden."

Zum Teil zeige sich hier aber auch schlicht fehlendes Vertrauen in politische Institutionen und die etablierten Medien. Jakob Guhl erinnert daran, dass Donald Trump sie seit Jahren als Volksfeinde diffamiert.

In einer anderen Realität

Jakob Guhl weist darauf hin, dass rund 17 Prozent der US-Bürgerinnen und Bürger überzeugt seien, dass Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewonnen habe. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage mehrerer US-Universitäten. In der Wählerschaft der Republikaner seien es sogar 39 Prozent gewesen.

"Es besteht quasi keine geteilte Realität mehr, auf die sich die verschiedenen Lager verständigen könnten. Da ist die Wahrheit selber politisiert worden."
Jakob Guhl, Extremismusforscher am Institut für Strategischen Dialog, London

Der Extremismusforscher nennt eine Reihe von Gruppierungen, die ihm unter den Randalierern aufgefallen sind: Proud Boys, Anti-Regierungs-Milizen, Oath Keepers und Three Percenters. Auch Leute, die 2017 an den Unite-The-Right-Demonstrationen in Charlottesville in Virginia teilgenommen haben, hat er bei dem Angriff auf das Kapitol ausgemacht.

Die Offenheit, mit der sich manche im Kapitol fotografieren ließen, erklärt Jakob Guhl auch damit, dass sie teilweise wohl tatsächlich glaubten, nach der erfolgreichen Aufdeckung des vermeintlichen Wahlbetrugs als Helden und aufrechte Patrioten angesehen zu werden, die gegen das korrupte System aufgestanden sind.

"Sonst lässt sich das wirklich fast nur durch Leichtsinn und mangelnde Professionalität erklären."
Jakob Guhl, Extremismusforscher am Institut für Strategischen Dialog, London