Der Netz-Konzern Amazon verkauft auch Technologie zur Gesichtserkennung. Jetzt arbeitet das Unternehmen selbst an Gesetzesvorschlägen zur Regulierung in den USA.

Amazon nennt seine Gesichtserkennungssoftware "Recognition". Die ist seit 2016 auf dem Markt und identifiziert Menschen und Objekte auf Fotos und Videos. Das System ist alltagserprobt und ist inzwischen auch bei Polizeibehörden in mehreren US-Bundesstaaten im Einsatz. Unter anderem nutzen Florida und Oregon das Gesichtserkennungssystem von Amazon.

Jetzt arbeitet Amazon sogar an Vorschlägen für Gesetze zur Regulierung dieser Technik. Bereits zu Beginn des Jahres hatte Amazon Leitlinien vorgestellt für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie. Das Unternehmen unter Geschäftsführer Jeff Bezos geht nun noch einen Schritt weiter und entwirft gleich Gesetze, die später möglichst so von den Parlamentariern übernommen werden sollen.

"Amazon spielt Politiker und arbeitet eine Regelung zur Gesichtserkennung aus, die dann, so hofft Amazon, später die Parlamentarier übernehmen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Wie genau sich Amazon die Regulierung der Gesichtserkennung vorstellt, ist noch nicht bekannt. Aber grundsätzlich gehört zur Unternehmensphilosophie, dem technologischen Fortschritt so wenig Grenzen wie möglich zu setzen.

Deutschlandfunk-Nova-Reporter Andreas Noll geht davon aus, dass die Initiative ein Kontrapunkt sei zu den Bemühungen vieler US-Politiker, Amazon und die großen Tech-Konzerne stärker zu regulieren.

Amazon-Chef Jeff Bezos hält möglichen Kritikern ein ähnliches Interesse entgegen: Er sehe das Potenzial für Missbrauch, und deshalb brauche man Vorschriften für die Gesichtserkennung.

"Gesichtserkennung 'ist ein perfektes Beispiel für etwas, das wirklich positive Auswirkungen hat, so dass man es nicht bremsen will', fügte Bezos hinzu. 'Aber gleichzeitig gibt es auch Potenzial für einen Missbrauch der Technologie, so dass man Vorschriften will.'"

Überwachungssoftware mit Fehlern

Dass sich Amazon eigene Regeln für die Gesichtserkennung ausdenkt, ist nicht ohne Beigeschmack. Denn das Unternehmen verfügt mit seinem Online-Versandhandel bereits über viele persönliche Informationen. Zum Beispiel über unser Kaufverhalten via App und Website. Amazons Alexa liefert dazu noch Informationen über unsere Stimme, Interessensgebiete und den den Standort zum Beispiel.

Zwar erhält Amazon nicht automatisch Daten aus der Gesichtserkennung bei der Polizei, sodass diese mit den bereits verfügbaren Daten verknüpft werden könnten. Doch Datenleaks wie bei Cambridge Analytica zeigen, was im Zweifelsfall möglich ist.

"Mit der Gesichtserkennung kommt noch ein weiteres biometrisches Merkmal dazu, das ist sicherlich problematisch."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Das Gesichtserkennungssystem von Amazon sei durchaus fehleranfällig, sagen Kritiker. Eine US-Bürgerrechtsorganisation hat zum Beispiel Fotos von 120 Politikerinnen und Politikern genommen und sie mit einer Polizei-Datenbank mit mehr als 20.000 Polizeifoto verglichen.

Etwas mehr als 20 Prozent der Politikerinnen und Politker wurden fälschlicherweise in dieser Datenbank identifiziert also von der Software verwechselt. Dabei stellte sich heraus, dass die Identifizierung von Frauen schlechter funktioniert als bei Männern und bei schwarzen Personen fehleranfälliger ist als bei weißen.

Gesichtserkennung in China viel weiter

Während es Gesichtserkennungssoftware in Deutschland noch schwer hat, wird sie in Asien bereits umfassend eingesetzt. Zum Beispiel am internationalen Flughafen von Singapur, wo die Sicherheitsüberprüfung der Fluggäste per Gesichtserkennung funktionier. Statt mit der Bordkarte werden Passagiere also einfach anhand ihres Gesichts identifiziert und durchgelassen.

Auch das Social-Score-System in China wird erst durch Gesichtserkennung möglich. Zusätzlich gewinnt Facial Recognition auch wirtschaftlich an Bedeutung: In immer mehr Geschäften können Kunden mit Smartphone und Gesichtserkennung zahlen.

Innerhalb einer Woche mehr als zehn neue Produkte

Amazon arbeitet mit Hochdruck daran, unerlässlicher Begleiter unseres Alltags zu werden. Allein Ende September 2019 hat das Unternehmen innerhalb einer Woche mehr als zehn neue Produkte und Produkterweiterungen angekündigt. Darunter eine Brille, die mit Lautsprecher und Mikrofon ausgestattet ist und mit dem Sprachassistenten Alexa interagieren kann. Oder ein neues Feature mit dem Alexa Emotionen in unserer Stimme erkennt und bei Bedarf freundlicher reagieren soll als sonst.